Meinung
Matz ab

Viele beim HSV träumen – einer bleibt wach

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Foto: Andreas Laible / HA

Die Frühlingsgefühle wegen vier schöner Punkte können Bruno Labbadia nicht beirren. Er will in Ruhe arbeiten. Auch ohne Vertragsverlängerung

Allmählich fängt es an zu wintern. Keine neue Erkenntnis, aber vielleicht ganz gut, es sich noch einmal kurz zu vergegenwärtigen, denn: In Sachen Fußball, speziell wenn es um den HSV geht, scheint in Hamburg gerade der Frühling ausgebrochen zu sein. Nach zuletzt vier Punkten, nach dem 0:0 gegen Leverkusen und dem 1:0 gegen Hoffenheim, blühen plötzlich die schönsten Hoffnungen an der Elbe.

Wegen der vier Punkte träumen viele HSV-Fans wieder von besseren Zeiten, vielleicht von einem Platz im Tabellen-Mittelfeld, eventuell sogar schon von höheren Gefilden. Trotzdem sei daran erinnert: Vor dem Leverkusen-Spiel hatte es für den HSV ein deftiges 0:3 in Berlin gegeben – und damals gab es sofort Zweifel allerorten; nach der bösen Klatsche gegen die Hertha hingen fast alle HSV-Anhänger tagelang durch. Die Berg- und Talfahrt setzt sich offenbar fort, diesmal scheinen davon aber mehr die Fans betroffen als die Bundesliga-Spieler. Mal sehen, wie das am Sonntag gegen 19.25 Uhr aussehen wird, nach dem schweren und bedeutungsvollen Heimspiel gegen Hannover 96?

Von Berg und Tal, von oben und unten, lässt sich zumindest ein Mann in Hamburg nicht beirren. HSV-Trainer Bruno Labbadia, das ist das wirklich Erfreuliche an der jetzigen Situation des Tabellenneunten HSV, hat sich eine solche Denkweise abgewöhnt. Er behält die Ruhe, lässt sich nicht von links und von rechts, auch nicht von oben und unten verrückt machen, sondern er macht sein Ding. Ganz cool. Herzlichen Glückwunsch. Da bleibt einer ganz fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Nach einem Sieg, aber auch nach einer Niederlage – das ist eine höchst erfreuliche Erkenntnis.

Labbadia hat schon vieles zum Besseren bewirkt, seit er den damaligen Tabellenletzten HSV am 15. April 2015 übernommen hat. Erst erhielt er dem Dino die Bundesliga, indem er mit Volldampf-Power arbeitete, indem er aus der Chaos-Truppe, in der jeder ein Star war, über Nacht eine Einheit formte. Inzwischen sorgt er wieder für so etwas wie Spielkultur. Und er zieht seine Linie kontinuierlich durch, ohne sich von Zurufen jener Leute, die es angeblich schon immer gut gemeint haben mit ihrem HSV, ablenken zu lassen. Klasse. Fußballerisch funktioniert der HSV in vielen Teilen schon wieder besser – fast so gut wie „richtiger“ Erstliga-Club. Und es soll ja noch weiter bergauf gehen. Labbadia sei Dank.

Allein das ist doch schon mal etwas. Großartig an dieser Situation aber ist auch, dass sich der Coach von den vielen „Frühlingsgefühlen“ nicht anstecken lässt. Beispiel: das Thema Vertragsverlängerung. Die wird von vielen quasi stündlich gefordert und forciert. An Labbadia selbst prallt diese Verlängerungs-Hysterie ab. Hervorragend! Er will erst in Ruhe arbeiten. Sein Vertrag läuft ja ohnehin noch bis zum Sommer 2016. Warum also diese Eile?

Labbadia fühlt sich wohl. Pudelwohl offenbar. Das gilt für seine (neue) Heimat Hamburg, und das gilt auch für den HSV. Für ihn ist die Arbeit eine Herzensangelegenheit – er ist damit eher eine Ausnahme im oft eiskalten Profi-Geschäft. Alles Weitere, auch die Unterschrift unter eine Vertragsverlängerung, wird sich beizeiten fügen.

Das gilt auch für einen ähnlich gelagerten Fall in Mönchengladbach. Da sorgt Interims-Trainer Andre Schubert für Furore, er siegt und siegt und siegt. Die Öffentlichkeit schreit nach einem Cheftrainer-Vertrag, aber was sagt Sportchef Max Eberl? „Eine Siegesserie ist kein kluger Berater, um einen solchen Chef-Vertrag auszustellen.“ Bravo, Herr Eberl, wohl selten gab es aus dem Munde eines Bundesliga-Managers etwas Klügeres zu vernehmen.

Höchstens von Bruno Labbadia, der in Ruhe arbeiten will – und der trotz einer gewissen beruflichen Ungewissheit (die überschaubar ist) bei seiner Linie bleibt. Gäbe es mehr Fußballer, Trainer und Manager vom Kaliber Eberl und Labbadia, mit klaren Worten und klarer Haltung, wäre dies ein großer Gewinn für die Bundesliga – und für die Fans. die ihre letzten Cents zum Fußball tragen. Auch an diesem Sonntag wieder, wenn es gegen 96 geht.