Meinung
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Das Leben ist nicht nur Bullerbü

Und plötzlich fragt die Tochter: „Mama, was sind Flüchtlinge?“ Wie man Kindern die Welt erklärt – mit all ihren guten und bösen Seiten

Ich gebe es zu: Ich bin etwas radikal. Ich bin eine radikale Heile-Welt-Verfechterin. Eine Bullerbü-Mutter. Ich möchte, dass die Kinder so lange es irgendwie geht glauben, dass die Welt durchweg gut ist. Grün und heil und mit vielen Tieren.

Das ist in letzter Zeit nicht so einfach. Ich lasse keine Zeitungen herumliegen, wir gucken mit den Kindern nicht fern, abgesehen von so etwas wie Sandmännchen, Bibi und Tina und Shaun das Schaf. Und wir hören kein Radio.

Außer neulich, da hatte ich aus Versehen das Autoradio angelassen, als ich die Kinder aus dem Kindergarten abholte. Ein paar Sekunden reichten. Nachrichtenzeit. Tochter: „Mama, was sind Flüchtlinge?“ Ich erklärte es ihr. „Das sind Menschen, die ihr Land verlassen müssen, weil sie dort schlecht behandelt werden.“ Tochter: „Warum werden die denn schlecht behandelt?“ Ich: „Weil dort schlechte Menschen sind, die ganz gemein zu ihnen sind. Und dann kommen die Menschen hierher zu uns, weil sie hier in Sicherheit sind.“ Tochter: „Wie denn schlecht behandelt?“ Ich: „Die haben Angst um ihr Leben.“ Es endete damit, dass wir massenweise Zahnpasta, Zahnbürsten und Duschgel kauften und es im Flüchtlingsheim in der Nähe abgaben.

Einmal, als die Tochter gerade drei war, kam sie aus dem Kindergarten und sagte: „Ich bin froh, dass der böse Mann tot ist.“ Ich: „Welcher böse Mann denn?“ Tochter: „Dieser Hitler.“ Das anschließende etwas laute Elterngespräch in der Kita wird ihre Erzieherin vermutlich nie vergessen. „Die Kinder tragen nachts noch eine Windel, haben noch Schnuller und ihr erzählt ihnen von Hitler? Habt ihr sie nicht mehr alle? Was wollt ihr ihnen als nächstes erklären? Die Judenvernichtung?“

In den vergangenen Tagen wollte die Fünfjährige wissen, was wir eigentlich gerade feiern. Ha, das ist eine der leichteren Übungen: „Wir feiern, dass zwei Deutschlands wieder ein Land sind.“ Tochter: „Welche zwei Deutschlands denn?“ Ich: „Es gab mal ein Deutschland, in dem die Menschen eingesperrt waren. Rundherum gab es eine Mauer, und die Menschen durften da nicht raus. Wie in einem Gefängnis.“ Tochter: „Warum denn nicht?“ Ich: „Weil man Angst hatte, dass niemand in das Land zurückkehren würde. Es gab dort nämlich nichts. Keine Bananen, keine Orangen und nur ganz komische Autos, die fürchterlich stanken.“ Wenn man Kindern die Welt erklären will, reduziert man sie am bestens auf das Wesentliche.

Vielleicht bin ich so radikal, weil ich mich genau daran erinnere, wie es war, als das Böse in meine Welt kam. Ich war etwa acht Jahre alt und blätterte eine dieser Yellow-Press-Zeitschriften durch, bis ich eine Tiergeschichte fand. Ich las zum ersten Mal, dass Kaninchen ätzende Flüssigkeiten in die Augen geträufelt werden. Wozu Katzen und Hunde in Versuchslaboren benutzt werden. Ich weiß noch genau, wie verzweifelt fassungslos ich damals war. Die Welt war nicht nur gut. Und es gab nicht nur unseren kleinen Familienkosmos, wo das größte anzunehmende Unglück darin bestand, dass ich noch kein Pony hatte.

Vor ein paar Tagen erzählte ich einer Freundin am Telefon, dass auf unserem Balkon eine tote Taube läge. Meine Tochter bekam das Gespräch mit, verstand aber offenbar nur die Hälfte. Jedenfalls fragte sie mich hinterher beiläufig und in ganz normalem Tonfall: „Auf unserem Balkon liegt eine tote Frau?“

Das ist der Punkt. Wenn ich ihr morgen sagte, so, jetzt gehen wir ein Einhorn kaufen, würde ihr das auch kein bisschen komisch vorkommen. Es gibt in dem Alter keine Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Alles ist möglich. Im Guten wie im Schlechten. Und deshalb muss die ganze Wahrheit noch ein bisschen warten.

„Was wünscht du dir eigentlich zu Weihnachten?“ fragte ich sie vor Kurzem. „Wieso? Der Weihnachtsmann wird das schon wissen.“ Mission erfüllt