Meinung
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It wos ä pläscher, liebe Bahn

Wie öde wäre Zugfahren in Deutschland ohne den Englischkurs vom Schaffner. Und jetzt bitte alle einsteigen

Die Bahn ist eins der heimlichen Dauerthemen unseres Landes. Sie versorgt uns verlässlich immer wieder mit neuen Aspekten des modernen Alltags, von Verspätung über defekte Klimaanlagen und Preispolitik bis Nichterreichbarkeit im Funkloch. Und das Schöne ist: Millionen Mitbürger können mitreden.

Schon die Webseite bahn.de ist ein Erlebnis mit einer schon grotesk verwirrenden Anzahl von Fensterchen für „Shoppen & Schlemmen“, „Bahn Upgrades“, „Neu: Das Gruppen-Online-Ticket“, Reiseangebote usw., deren Design an einen Ikea-Katalog erinnert. Vor lauter Fensterchen hat man da die Begrüßung vergessen, etwa: „Willkommen bei der Bahn, liebe Kunden! Wir sind’s, Ihre 196.000 Bahn-Mitarbeiter! ...“ undsoweiter, damit man gleich sehen kann, wer da kommuniziert. Besonders schade ist, dass ein Dauerbrenner mit höchstem Unterhaltungswert fehlt: Bahnansagen. Um sie hat sich mittlerweile deutschlandweit eine ganze Szene gebildet, auf Twitter und Facebook und mit Zitat-Sammelaktionen.

Richtig in Gang kam diese Begeisterung 2008 mit dem Buch „Senk ju vor träwelling“ von Mark Spörrle. Damals hieß es noch „Bahnchef Mehdorn“, und im Ausland hielt man Bahnchef für einen gebräuchlichen deutschen Vornamen. Zur Fußball-WM 2006 in Deutschland formulierte die Bahn viele Ansagen in Zügen auch auf Englisch, was für allgemeine Erheiterung sorgte. „Wi ärreiv Aschaffenburg ... Senk ju for träwelling wis Deutsche Bahn! It wos ä pläscher!“ 2007 wurde der Vorstandschef Hartmut Mehdorn dafür vom Verein Deutsche Sprache zum „Sprachpanscher“ des Jahres gekürt.

Zu Unrecht, wie ich fand. Endlich mal wurde die Bahn international, wenigstens versuchte sie es. Und entdeckte ganz unfreiwillig ein Humorfeld, das noch weitgehend unbeackert war: Englisch in deutscher Aussprache und garniert mit deutschen Begriffen. „Ledies änd Schentelmen, wi nau ärreiv in Günzburg. Ju can rietsch a lokel träin to ...“ Der Witz beruht darauf, dass sich viele deutsche Wörter wie zum Beispiel Wurzelbürste oder Fahrplanauskunft sowie die meisten deutschen Ortsnamen – von Bramsche bis Pfullendorf – sich auf wundersame Weise der englischen Sprache widersetzen. So wie sich „Gloucester Cathedral“ der deutschen Sprache widersetzt. Deshalb bleiben manche Ansagen quasi als modernes Kunstwerk unverstanden im Raum stehen: „Konnektschn tu Mjunick on plattform sörtiin. For aser Anschluss-Connections please listen to the Lautsprecheransagen. Gudbai.“ Das Studierendenportal Studipedia liefert ein schönes Beispiel einer kaputten Lautsprecheranlage: „This train stps at Hmbrg-Haarbrg, Hannfer an Drtmund. Hereumaychange to train ICE five five fr ‘Mikel Shoemaker’ to Wrzbrg, partschrr time frteen fortyone frm lanefive“.

Zu besonderen Perlen des „Bahn-g­lisch“ kommt es, wenn unvorhergesehene Ereignisse den Zugbegleitern das Äußerste abverlangen. „Ledies änd Schentelmen, wi häv some äh turbulenzes in se ... äh ... Betriebsablauf“. Hinter der Spottwelle, die über die Bahn hereinbrach, steht oft nur dünkelhafte Häme: Jeder Besserwisser mit Englisch-Leistungskurs fühlt sich dem armen Zugpersonal weit überlegen. Viele Bahnmitarbeiter entwickelten bereits Komplexe. Inzwischen ruderte die Bahn zurück, englische An- und Absagen gibt es nur noch zwischen Metropolen, und statt „Senk ju for träwelling wis ...“ heißt es heute „Senk ju for tschuusing Deutsche Bahn“.

Dabei geht völlig unter, zu welch spontaner Kreativität Zugbegleiter/-innen fähig sind. Wie gut, dass Bahn-Blüten in Deutsch und Englisch etwa auf www.facebook.com/BahnAnsagen gesammelt werden: „Soeben ist unsere ofenfrische Brezelverkäuferin zugestiegen. Sie erwartet Sie im Speisewagen.“ Oder: „Für alle neu zugestiegenen Fahrgäste ohne Platzreservierung: willkommen auf unserer Stehparty!“

Die Bahn ignoriert solche Fundsachen einfach. Warum nur? Andere Unternehmen zahlen Agenturen viel Geld dafür, die menschelnden, unperfekten Elemente des Angebots als Sympathie-Bonus in die Werbung einzubauen. Und den hätte die Bahn doch bitter nötig.