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Zwischen Hamburg und Berlin

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Foto: Andreas Laible / HA

Ein E-Mail-Wechsel von Abendblatt und „Cicero“.

Christoph Schwennicke (r.), Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins „Cicero“, und Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, pflegen seit Längerem eine E-Mail-Freundschaft, die wir an jedem Sonnabend an dieser Stelle veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, ich habe in meinem Freundeskreis eine interessante (erschreckende) Beobachtung gemacht: Die Diskussion über das richtige Verhalten in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise droht, Freundschafts-, manchmal sogar Familienbande zu zerstören. Hier die einen, die sich in Flüchtlingsinitiativen engagieren, und dort die anderen, die das überhaupt nicht verstehen können. Hier die einen, die Flüchtlinge am liebsten gleich wieder wegschicken würden, und dort die anderen, die entsetzt über solche Aussagen sind. Was macht das Thema derzeit eigentlich mit unserer Gesellschaft??

Schwennicke: Gegenfrage: Ist das so schlimm, dass wir nach vielen Jahren der großkoalitionären Behaglichkeit, nach dem Fall der Mauer mal wieder ein Thema haben, bei dem leidenschaftlich gestritten wird, bei dem in der Sache Risse auch durch Familien gehen?

Haider: An sich ist das natürlich nicht schlimm, und unterschiedliche Meinungen sind es schon gar nicht. Aber ich erwische mich selbst dabei, dass ich bei dem einen oder anderen Gesprächspartner zucke, wenn der zum Beispiel Sachen sagt, mit denen ich nun überhaupt nicht gerechnet hätte. Mein Lieblingssatz: „Und wer denkt an die deutschen Obdachlosen?“ Geht Dir das nicht so?

Schwennicke: Dieser Satz ist natürlich Quatsch. Und er soll meiner Meinung nach auch nur gar nicht so unterschwellige Ausländerfeindlichkeit kaschieren. Vorher hat die, die so etwas sagen, das Schicksal der Obdachlosen doch auch überhaupt nicht interessiert. Aber Verteilungskämpfe dieser Art wird es geben. Da musst Du nur mal mit den Beamten im Sozialministerium sprechen. Das wird zu Umschichtungen kommen.

Haider: Wie reagierst Du denn, wenn solche oder ähnliche Sätze fallen?

Schwennicke: Solche Sätze sind mir persönlich noch nicht untergekommen. Wenn sie kämen, würde ich sagen: Das ist miese Polemik, die weder das Schicksal der Obdachlosen noch das der Flüchtlinge im Blick hat. Sondern nur Ressentiments zulasten Dritter schüren soll.