Meinung
Zwischenruf

Stieglitz, der Star unter den Vögeln

Nico Binde

Nico Binde

Foto: HA

In jeder Klasse gibt es diese Unscheinbaren, die zwar immer da waren, aber nie richtig aufgefallen sind, bis sie eines Tages berühmt und reich oder beides wurden und sich plötzlich alle fragten: Stieglitz, Stieglitz, wer war noch mal dieser Stieglitz? Genau so geht es uns heute, weshalb die Frage im Raum steht: Stiegwer? Nie gehört.

Guter Boxer, könnten jetzt die Sportsfreunde einwenden und an Faustkämpfer Robert Stieglitz erinnern. Schöner Berliner Ortsteil, sagen vielleicht andere, und weisen auf Steglitz hin, das ja slawisch auch nur Stieglitzhausen heißt. Hugo Stiglitz?, fragen dagegen die Cineasten, das ist doch der sympathische Meuchelmörder aus „Inglourious Basterds“. Und dann? Ja, dann gibt’s noch die Ornithologen, die sagen: cooler Vogel, dieser Stieglitz, aber heißt der nicht Distelfink?

Vollkommen Bingo! Wobei der Distelfink, der auch Stieglitz heißt, die Sache unnötig verkompliziert. Der Vogel hockt nämlich unter seinem Decknamen im bekanntesten Gemälde des Rembrandt-Schülers Carel Fabritius herum und wird dabei zum Sujet des gleichnamigen, pulitzerpreisgekrönten und sehr lesenswerten Buchs „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Von den ganzen christlichen Deutungen, in denen der Distelfink als Passionssymbol gilt, wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Denn just ist der Stieglitz – also known as Distelfink – zum Vogel des Jahres 2016 gekürt worden. Dass 840 Brutreviere in Hamburg bekannt sind, obwohl das Tier in die Vorwarnliste der gefährdeten Arten aufgenommen wurde, lässt für den Vogelstandort hoffen. Eigentlich stehen wir nur deshalb applaudierend vor den Rechnern.

Gut möglich, dass den kleinen Stieglitzen, die im Englischen Goldfinch genannt werden, diese Bedeutungsschwangerschaften sowieso egal sind. Denn eigentlich wollen die monogamen Brüter auch nur früh runter vom Schlafast, ein paar Distelsamen naschen und schnell wieder rauf auf den Schlafast. Grundsolider Vogel also, dieser Stieglitz. Jedenfalls keiner, der schnell abhebt, jetzt, da er berühmt ist.