Meinung
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Was das Wir-Gefühl ausmacht

Liebe Redaktion, lieber Herr Haider!

Bei allem Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit, Flüchtlinge zu integrieren, bleibt etwas auf der Strecke. Die Frage, was dieses von Ihnen genannte „Wir“ denn ausmacht? Viele Deutsche haben nach 1945 zu Recht die Nation, die soeben in den Abgrund marschiert war, grundsätzlich infrage gestellt. Die Kriegsgegner haben durch Teilung und Annexion den Niedergang dieser Nation auch politisch manifestiert. Mit der 68er-Bewegung begann Deutschland sogar im Innern zu so etwas wie einem Schimpfwort zu werden.

Interessanterweise sah das Ausland die Deutschen stets anders, als sie sich selbst. Sowohl 1945 als auch 1989. Die Angst vor dem wiedervereinigten Deutschland war wohl eher den individuellen Erfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit einiger weniger verantwortlicher Politiker geschuldet. Zwar verständlich, aber unbegründet.

Es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet eine Sportveranstaltung, die, ganz gönnerhafter Gastgeber, nicht einmal mit dem höchsten Erfolg gekrönt wurde, die Sicht der Deutschen auf sich selbst verändert hat. Das Ausland hat dazu noch erlebt, dass den Deutschen Nationalgefühl auch Spaß machen kann und nicht mit hasserfüllten Fratzen und dummen Parolen einhergehen muss.

Gleichwohl fehlt zu diesem „Wir“ sowohl ein intellektueller als auch ein emotionaler Hintergrund. Emotional beispielsweise, weil sich große Teile dieses „Wir“ nicht bewusst sind, welche zwar sehr komplizierte, aber trotzdem schöne Sprache sie sprechen, und sich deshalb nur zu gern und zu beliebig an einer fremden vergreifen, was dazu führt, dass eher darüber nachgedacht wird, Migranten ihre Sprache institutionell anzubieten, statt von ihnen zu erwarten, die hiesige zu lernen.

Intellektuell in der Hinsicht, dass die deutsche Verfassung, geboren aus den Erfahrungen einer gescheiterten Demokratie und den Lehren eines der größten Menschheitsverbrechen, zu den freiheitlichsten auf dieser Welt gehört, und dass es die Pflicht aller hier lebenden Menschen ist, diese Verfassung zu bewahren und in vollem Umfang und ohne Wenn und Aber zu respektieren. Egal, ob sie in Deutschland oder in Afghanistan oder sonst wo geboren sind.

Friedrich Merz hat mit seinem Begriff der deutschen Leitkultur seinerzeit eine Debatte angestoßen, wie sie deutscher nicht sein kann. Zugegeben, der Begriff war missverständlich und barg Mehrdeutigkeiten in sich. Aber statt zu fragen, was für ihn denn Leitkultur konkret bedeutet und wie er sie vorleben will, wurde dieser Begriff von seinen Gegnern politisch ausgeschlachtet und Merz in die rechte Ecke verschoben, in die er bestimmt nicht hingehört. Eine weitere vertane Chance, sich darüber klar zu werden, was Deutschsein denn heute ausmachen könnte.

Die deutsche Leitkultur, wie ich sie verstehe, ist die, die dazu führt, dass öffentliche und vor allem laute Kritik geübt wird, wenn deutsche Soldaten in den Krieg ziehen sollen. Diese ausgeprägt pazifistische Grundhaltung, die ein tiefes Misstrauen gegen Preußens Gloria entwickelt hat und die nach zwei begonnenen Weltkriegen auch durchaus angebracht erscheint. Die nicht mehr davon beseelt ist, am deutschen Wesen die Welt genesen zu lassen. Es ist deutsche Leitkultur, dass hier, ganz im Sinne des aufgeklärten Preußen­königs, jeder nach seiner Fasson selig werden kann und darf, wenn er bestimmte Grundregeln beherzigt und vor allem befolgt. Und es ist diese Verfassung, die diese Grundregeln vorgibt und die den Menschen in den Vordergrund stellt, nicht nur den Deutschen. Diese deutsche Leitkultur verpflichtet jeden Deutschen einerseits, sich dieses immer wieder zu vergegenwärtigen und dafür einzutreten, dass diese Verfassung täglich mit Leben gefüllt wird. Sie berechtigt jeden Deutschen aber andererseits auch dazu, darauf zu pochen, dass der Inhalt dieser Verfassung für jeden und ohne Abstriche gilt, der in ihrem Einflussbereich lebt oder leben will. Leitkultur also nicht im Sinne von einer Blaupause für den Rest der Welt, sondern als Grundlage und Konsens über die Zusammensetzung und die Regelung der inneren Gesellschaft. Nicht Nationalismus, sondern ein Gefühl dafür, wie man miteinander leben und umgehen möchte.

Das ist es, was „wir Deutschen“ nach außen hin selbstbewusst vertreten müssen. Dafür muss sich niemand schämen, insbesondere nicht die, die 1989 aus eigener Kraft ein Zwangs­regime wegdemonstriert haben und damit das nachgeholt haben, was die 1848er nicht geschafft haben. Wenn „wir“ dieses Selbstbewusstsein (nicht gleichzusetzen mit Stolz, der wäre nun wahrlich dumm und peinlich) zu einer Selbstverständlichkeit werden lassen können, gepaart weiterhin mit dem ausgeprägten Hang zur inneren Kritik an allem, was Deutschland heißt, dann können „wir“ etwas vorleben, was Migranten dazu verleiten könnte, auch so leben zu wollen und ihren ideologischen Ballast der Heimat hinter sich zu lassen, um Teil dieses „Wir“ zu werden. Dann, und erst dann, hat Deutschland das Recht, sich Einwanderungsland zu nennen.

Mit besten Grüßen

Andreas Kaluzny