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Kommentar

Wenn ein Nobelpreis andere Leistungen überstrahlt

Kulturredakteur Holger True

Kulturredakteur Holger True

Foto: Andreas Laible / HA

Ein Bedauern von Holger True

Eigentlich ist es ja großartig, einen Preis für sein künstlerisches Schaffen zu bekommen. Es gibt Ruhm und Ehre, wahrscheinlich eine das Ego schmeichelnde Laudatio, und mit etwas Glück ist die Auszeichnung sogar ordentlich dotiert. Was entweder die Monatsmiete in Bottrop oder das Ferienhaus in der Toskana zahlt.

Allerdings gibt es für das Richtige und Gute auch den falschen, weil maximal ungünstigen Zeitpunkt. Den nämlich, an dem die (Kultur-)Welt leider gerade ganz woanders hinblickt, an dem ein Ereignis alle anderen überstrahlt. So war es gestern, als die Schwedische Akademie um 13 Uhr den diesjährigen Literaturnobelpreisträger bekannt gab. Plötzlich hatte alle Welt nur noch Augen und Ohren für die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. Die Nachrichten-Websites veröffentlichten in Windeseile Würdigungen ihres Werks, Buchhändler setzten fix Bestellungen ab – und die sonst noch an diesem Tag Preisgekrönten fielen im medialen Tohuwabohu hinten runter. Etwa Fotograf Boris Mikhailow (Goslaer Kaiserring, leider undotiert), Bassbariton Klaus Mertens (Georg-Philipp-Telemann-Preis, 2500 Euro), und Schriftsteller Feridun Zaimoglu (Berliner Literaturpreis, satte 30.000 Euro).

Großes geleistet und dann aus aktuellem Anlass doch unter ferner liefen. Einerseits schade. Andererseits: Die Ehre bleibt ja. Und – im Idealfall – das Zubrot für Bottrop-Miete oder Toskana-Ferienhaus auch.

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