Meinung
"Matz ab"-Kolumne

Für den HSV geht es jetzt um Kontinuität

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Foto: Andreas Laible / HA

Es wäre lobenswert, wenn sich die Profis während dieser Liga-Pause darauf einigen könnten, ab sofort wieder 100 Prozent abzurufen.

Keine Panik. Jedenfalls noch nicht. Weil ja noch nichts passiert ist. Zwar hat der HSV zuletzt zweimal in Folge verloren, und er hat in den letzten vier Spielen nur einmal ins gegnerische Tor getroffen – per Freistoß. Dennoch werden die Abstiegsränge bislang von Stuttgart und Hannover belegt, und selbst der so lieb gewonnene Relegationsplatz wird derzeit vom FC Augsburg beansprucht. Der HSV liegt auf Rang elf, und wenn die Anhängerschaft der Rothosen vor dem ersten Spiel der Saison gefragt worden wäre, ob Zufriedenheit vorherrschen würde, wenn nach dem 34. Spieltag Platz elf zu Buche stehen würde, dann hätte die Mehrzahl wohl sofort mit Begeisterung eingeschlagen. Und zehn Punkte nach nur sechs Spielen? Das hätten dem HSV doch die wenigsten Fans zugetraut – bei dem schweren Start-Programm.

Nein, bis jetzt ist noch alles ganz normal. Dennoch herrscht schon vielerorts Skepsis vor. Und sogar Angst. Was total unangebracht ist, denn der Umbruch in Hamburg, in den vergangenen Jahren so oft heraufbeschworen, dauert eben. Und oft genug wurde ja auch schon festgestellt, dass der HSV statt des erhofften kleinen Schrittes nach vorn den einen oder anderen Schritt zurück gemacht hat. Sodass in Sachen Umbruch nach einem weiteren Anlauf ein weiterer unternommen werden musste. Fußball, das wissen sie in und um Hamburg herum inzwischen besser als in jeder anderen Stadt, ist eben noch immer kein Wunschkonzert.

Der HSV hat in dieser Länderspielpause noch einmal Gelegenheit, tief durchzuatmen, seine Situation auch mental aufzuarbeiten. „Nur wenn wir alle 100 Prozent abrufen, gibt es auch Erfolgserlebnisse für uns.“ So oder so ähnlich hatte HSV-Mittelfeldspieler Aaron Hunt seiner Enttäuschung nach der 0:3-Klatsche von Berlin freien Lauf gelassen. Die Frage, die sich daraus ergibt: „Wieso gibt nicht jeder HSV-Profi von Haus aus schon mal 100 Prozent?“ Ein Schuss Überheblichkeit? Ein größerer Realitätsverlust? Zu viel und zu schnelle Zufriedenheit nach minimalsten Erfolgen? Oder ist es schlicht zu viel Arroganz?

Die jüngere Vergangenheit könnte den in die Irre geleiteten HSV-Spielern schnell die Augen öffnen, denn die immer noch sehr dürftige Statistik spricht eine deutliche Sprache und belegt, dass aus dem Europapokalsieger von 1983 längst eine graue Maus geworden ist. Und deshalb sind die jetzigen beiden Niederlagen in Folge auch absolut normal.

Im Gegensatz dazu aber sind zwei HSV-Bundesliga-Siege Raritäten geworden; von drei Siegen in Folge ganz zu schweigen. Zwei Dreier in Serie gab es in der vergangenen Saison zweimal, in der Spielzeit 13/14 nicht einmal, 12/13 zweimal, 11/12 kein einziges Mal, 10/11 immerhin viermal. Und wer in der Saison 2009/10 herumstöbert, der findet sogar eine „blaue Mauritius“ – vier Siege in Folge: 4:2 gegen Dortmund, 4:2 in Wolfsburg, 3:1 gegen Köln, 3:1 gegen Stuttgart. Und sogar drei Siege hinter­einander gab es in jener Saison.

Was letztlich aber nicht wenige Clubs mit Leichtigkeit schaffen, das gelingt dem HSV nur sporadisch. Und genau das ist die Herkules-Aufgabe für Trainer Bruno Labbadia für die nächsten Jahre. Kontinuität ist das Zauberwort. Immerhin ist es dem Coach schon in Minischritten gelungen, der Mannschaft wieder so etwas wie Teamgeist einzuhauchen. Diese zarte Pflanze blüht nun im Volkspark in den Herbst hinein, doch die Herren Stars sollten damit nicht nur behutsam umgehen, sondern stark darauf achten, dass sie dieses seltene Exemplar nicht gleich wieder plump zertreten.

Noch ist zwar nichts passiert, doch schon mit den nächsten beiden Begegnungen könnte dem Hamburger Aufschwung wieder die Luft ausgehen. Wie gesagt, es könnte. Daheim gegen Leverkusen, auswärts gegen Hoffenheim. Wobei es ja ohnehin für diesen Berg-und-Tal-HSV kein leichtes Spiel gibt.

Es sind eben immer 100 Prozent gefragt. Und deshalb wäre es äußerst lobenswert, wenn sich alle HSV-Profis während dieser Bundesliga-Pause darauf einigen könnten, ab sofort wieder 100 Prozent abzurufen – nicht ein Prozentteilchen weniger. Das ist alles eine Frage des Kopfes. Und nur keine Panik.

Der HSV-Blog Matz ab erscheint auch täglich im Internet unter www.abendblatt.de/matz-ab.