Meinung
Kommentar

Bahnfahrer brauchen keine Events auf der Zugfahrt

„85 Prozent unserer Landsleute sind zu doof zum Bahnfahren.“ Ein Klassiker von Harald Schmidt, falls den­ noch jemand kennt. Könnte also fast richtig sein, wenn man das kleine bisschen Harald-Schmidt-Häme abzieht. Aber das macht Züge noch längst nicht zu Eventbühnen. Wer Bahn fährt, will in aller Regel von A nach B. Ungestört. Wer Bahn fährt, will in aller Regel nichts von anderen vorgelesen bekommen, dafür sind Lesungen da. Wer Bahn fährt, will da ja auch keinen Haarschnitt oder Metal-Konzerte.

Doch nachdem der Streikstress mit Herrn Weselsky gütlich geregelt wurde, hat die Bahn nun Zeit gefunden, um auf Künstlervermittlung zu machen. Frisch als tolle Idee reingekommen: Judith Holofernes, Sängerin von „Wir sind Helden“, hat ein Buch geschrieben. Tiergedichte, niedliche. Was man bestimmt krass süß findet in den Soja-Latte-Cafés dieser Republik. Das will sie bald zwischen Freiburg und Hamburg vorlesen. Vorher aussteigen ist aber nicht. Und wo eine so unnötige Idee ist, drohen die nächsten: Gesponserte Bällebäder auf der Fahrt in den Schweden-Urlaub. Gut erzogene Graffitisprayer, die Oma Elsbeths Rollkoffer mit Fingerfarben verzieren. Kegelbahnen für Seniorinnen. Bierbike-Simulatoren zum Üben, für Reeperbahn-Touristen. Und wer diesen Bespaßungsbahn-Mumpitz nicht mitmachen will? Darf bestimmt bald einen Zuschlag bezahlen, um von frei herumfahrenden Künstlern unbehelligt seinen Anschlusszug zu verpassen.