Meinung
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Ein Ausflug mit Nasheem, Nashimi und Nashiim

Füllen Sie mal ein Formular mit arabischen Schriftzeichen aus: Von den ganz praktischen Schwierigkeiten, den Flüchtlingen zu helfen

Es gibt Menschen, die auch in zugespitzter Lage alles korrekt und nach Vorschrift machen wollen. Und es gibt andere, die blühen in Krisensituationen geradezu auf, weil sie gern improvisieren. Ich gebe zu, ich gehöre zu Letzteren: Wenn draußen ein Baum in die Einfahrt gefallen ist, alle auf die Feuerwehr warten und dann der Waschmaschinenschlauch platzt, würde ich am liebsten noch die Henkel von den Tassen schlagen, damit auch echte Katastrophenstimmung aufkommt.

Zurzeit wird das Improvisationstalent in vielen Städten auf die Probe gestellt, vor allem das der Verwaltungen. Beim Umgang mit vielen hundert Flüchtlingen soll alles so geregelt ablaufen wie möglich, das ist auch gut so. Aber manchen Regeln merkt man an, dass sie aus sicherer Entfernung in Amtsstuben entstanden sind.

Zum Beispiel macht auf Facebook die Runde, man solle in den Kleiderkammern keine Schirme spenden, weil deren Ausgabe an Flüchtlinge verboten sei – aus Sicherheitsgründen. So lange wir schönes Sommerwetter hatten, ist das niemandem so richtig aufgefallen, aber jetzt ist Herbst. Kann mir jemand erklären, welches Sicherheitsrisiko von Knirpsen ausgehen soll? Sind auch Einmalrasierer ein Risiko?

In Berlin untersagte das Veterinäramt eine Suppenküche, mit der Helfer täglich Hunderte von Flüchtlingen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales versorgten. Begründung: mangelhafte Hygiene. Da warten Menschen mit Kriegsverletzungen und Infektionskrankheiten – aber das Veterinäramt sorgt sich, weil man sich nicht die Hände waschen kann.

Diese Beispiele sind nicht lustig. Aber in Ausnahmesituationen führt selbst gut gemeinter Ordnungswille manchmal ins absurd Komische. Erinnern Sie sich an UNMIK? Die Uno-Mission sollte im Kosovo nach den Jugoslawienkriegen wieder für zivile Ordnung sorgen. Bei einer Reportage traf ich dort einen indischen Beamten aus Mumbai, der leider nur indisches Englisch sprach. Er war in Prizren als Verkehrspolizist eingesetzt und sollte kosovarischen Fahrzeugführern klarmachen, dass sie in ihrem 123er Mercedes keine 13-köpfige Großfamilie und mehrere Hühner transportieren dürften, wobei die Oma auf dem Rücksitz noch ein Schaf auf dem Schoß hielt. Sein Erfolg sei begrenzt, erzählte er betrübt.

Daran musste ich denken, als ich mich kürzlich an einer Aktion für Flüchtlingskinder in der Erstaufnahme Schnackenburgallee beteiligte. Geplant war ein Ausflug mit Barkassenfahrt und Dombesuch. Wegen der Sprachenvielfalt hatten wir für die Kinder Flyer mit einfachen Piktogrammen vorbereitet (Riesenrad, Boot, Pizza, Getränk). Zuvor mussten die Eltern eine Einverständniserklärung unterschreiben. Hier hat „Fördern & Wohnen“, der Träger des Camps, vorbildlich vorgesorgt: Es gibt Formulare in Arabisch, Persisch, Serbokroatisch, Albanisch, Russisch und Türkisch.

Wir saßen also vor einem Spielmobil mitten im Camp, von zig Kindern umringt und von Wespen umsummt, und mussten nur noch die Formulare ausfüllen: Datum (von – bis), Ausflugsort und -dauer. Machen Sie das mal bei einem arabischen Schriftbild. Was ist „Name“, was ist „Ort“, wird auch die Kalenderangabe von rechts nach links geschrieben?? Womöglich würden Eltern bei „7.8.“ denken, ihre Kinder würden bis zum nächsten 8.7. ein Jahr lang auf einem Riesenrad untergebracht.

Und woher soll eine afghanische Mutter wissen, wie der Name ihres Kindes im lateinischen Alphabet geschrieben wird? Eine Familie machte beim Nachnamen für drei Geschwister gleich drei verschiedene Angebote: Nasheem, Nashimi und Nashiim. Auch die Transkriptionen aus dem Mazedonischen und Albanischen – Sprachen, die an sich schon Herausforderungen sind – sahen nach „Learning by doing“ aus. Ein Kind kam freudestrahlend mit einem Formular, auf dem statt der Elternunterschrift drei Kreuze gemalt waren. Natürlich sind Einverständniserklärungen richtig, man kann die Kinder nicht einfach in einen Bus laden. Aber wo Ordnung auf eine Realität stößt, die von den Vorschriften nicht vorgesehen war, franst sie schnell „in den Wahnsinn hin aus“, wie Tucholsky sagen würde. Übrigens wurde es trotz alledem ein ganz wunderbarer Ausflug.