Meinung
E-Mail-Wechsel

Zwischen Hamburg und Berlin

Christoph Schwennicke (r.), Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins „Cicero“, und Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, pflegen eine E-Mail-Freundschaft, die wir jeden Sonnabend an dieser Stelle veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, seit unseren Mails in der letzten Woche frage ich mich, was die Flüchtlingskrise denn nun wirklich für Angela Merkel bedeutet. Zum ersten Mal wirkt sie nicht so (souverän) wie sonst, ist nicht ansatzweise so zupackend und klar wie beispielsweise in der Griechenland-Frage. Und du hattest ja angedeutet, für dieses Phänomen eine Erklärung zu haben … Ich bin gespannt.

Schwennicke: Hoffentlich habe ich den Mund nicht zu voll genommen. Zwischen dem „Wir können nicht alle nehmen“ gegenüber dem palästinensischen Mädchen in Rostock und dem „Wir schaffen das“ lagen sechs Wochen, Heidenau und mehrere weitere rechtsextreme Anschläge auf Unterkünfte. Bei Rechtsextremismus und Antisemitismus macht Merkel keine Gefangenen. Das hat einmal ein Bundestagsabgeordneter der CDU namens Martin Hohmann am eigenen Leib erlebt und auch mal ein Papst namens Ratzinger.

Haider: Und trotzdem lässt sie dann wieder Grenzkontrollen einführen, um sich angesichts kritischer Stimmen später zu beschweren, Stichwort: Nicht mein Land. Es wirkt, als habe die Bundesregierung eine klare Linie noch nicht gefunden. Von der Lage in Europa mal ganz abgesehen. Warum funktioniert ein deutsches Machtwort bei der Griechenland-Frage, aber nicht, wenn es um die viel bedeutendere Situation der Flüchtlinge geht?

Schwennicke: Sie hat sich verheddert. Sie hat sich verschätzt. Sie hat den schwerwiegendsten Fehler ihrer bisherigen Amtszeit gemacht. Die Menschen, die sie rief, kamen. In kaum zu bewältigenden Massen. Seither schwimmt sie, eiert sie. Und bekommt Druck von überall. Aus der CSU, aus der CDU, aus Europa.

Haider: Was wäre wohl, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?

Schwennicke: „Dann würde sie wiedergewählt. Aber helfen tut ihr das Geeier nicht. „Sie kennen mich“ hat sie bei der letzten Wahl als wichtigstes Argument angeführt, sie wiederzuwählen. Sie können mir vertrauen, hieß das. Im Moment erkennt man sie eher nicht wieder, und der Kollege Augstein hat die treffende Formulierung gewählt, sie habe hiermit die „Vertrauensfrage“ an ihr Volk gestellt. So eine Vertrauensfrage kann aber auch schiefgehen.

Haider: Viel schlimmer ist, dass die Europäische Union gerade das Vertrauen verspielt, dass Menschen wie ich langsam in sie gewonnen haben.

Schwennicke: Und es gibt noch viel mehr, die hatten schon vorher keins. Leider haben einige jüngere Mitgliedsländer noch nicht hinreichend begriffen, dass die EU nicht in erster Linie eine Alimentationsmaschine ist, in der die einen für die anderen zahlen, sondern ein Solidarbündnis, in dem man zusammensteht, immer, und besonders in schweren Zeiten.