Meinung
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Ein Diktat mit einigen Stolpersteinen

Suchen Sie nach Fehlern bei der Rechtschreibung, und zwar nach alten wie neuen Fehlern, die immer wieder gemacht werden

Ab und zu dient es der Auflockerung, mit einem kleinen Diktat zu beginnen – das heißt, Diktat kommt von diktieren, und ich kann nicht Tausende von Lesern anrufen und jedem den Text durchs Telefon in die Feder diktieren. Aber vielleicht findet sich ja jemand, der das übernimmt. Sonst müssten Sie die Fundstellen in der Zeitung mit einem Kugelschreiber anstreichen. Das wäre übrigens genau die Form, mit der die Schulbehörde ihre Deutschtests durchzuführen pflegt. Machen Sie sich den Spaß, suchen Sie erst die Fehler und lesen dann die Auflösung. Hier der Text, entnommen dem Duden-Kalender „Auf gut Deutsch“:

„Christine ist noch ganz seelig. Sie hat an Ostern [hamb.: zu Ostern] zum ersten Mal die Familie ihres Freundes kennengelernt und war von deren Religiösität sehr beeindruckt. Seperat zum feierlichen Ostermal gab die Tochter des Hauses ein brilliantes Konzert auf der Geige. Etwas skuril fand Christine zwar, dass jedes Familienmitglied ein Stück neuen Rasen aussähen musste, aber auch dazu trug sie bereitwillig ihr Schärflein bei.“

Über wie viele Steine, die im Weg lagen, sind Sie gestolpert? Acht Fehler hätten Sie finden müssen. Um von vornherein die übliche Ausrede der älteren Mitbürger abzuwehren, früher habe man die Wörter doch anders geschrieben, sei gesagt: Alle eingestreuten Fehler waren auch vor der Rechtschreibreform Fehler. An ihrer Schreibweise hat sich seit 1901 nichts geändert.

1. Das Adjektiv selig (falsch: seelig) darf nicht von der Seele abgeleitet werden. Es kommt vom ahd. sälig, mhd. sælec und bedeutete ursprünglich „wohlgeartet, gut, glücklich“. Zur Wortfamilie gehören auch das Verb beseligen (beglücken), die Seligkeit und die Adjektive glückselig und leutselig, alles mit einem einfachen „e“ geschrieben. Die Seele hingegen, man wagt es auf den ersten Blick gar nicht anzunehmen, hat etwas mit dem See zu tun. Nach dem germanischen Volksglauben wohnten die Seelen der Ungeborenen und der Toten nämlich im Wasser.

2. Die Religiosität, die innere Frömmigkeit, darf nicht umgelautet werden (falsch: Religiösität). In dieser Hinsicht sollte sich niemand von dem Adjektiv religiös (fromm, gottesfürchtig) verleiten lassen. Das Substantiv geht vielmehr auf frz. religiosité aus spätlat. religiositatis (Gen.) zurück, und zwar ganz ohne Umlaut.

3. Das Mal ist eine Zähleinheit bzw. eine Markierung oder ein Ziel, aber alles das kann man nicht essen. Wir dürfen deshalb annehmen, dass die Familie zu Ostern ein Mahl, wenn nicht gar ein Festmahl, zu sich genommen hat (falsch: Ostermal).

4. Offenbar bereitet es große Schwierigkeiten, das Wörtchen separat in der Mitte mit „a“ zu schreiben (falsch: seperat). Wer Latein kann, sollte immer an separatus, 2. Part. von separare (absondern, trennen) denken. Wer kein Latein kann, möge sich das Wort auf das Löschblatt oder auf den Spickzettel schreiben.

5. Das gilt noch mehr für brillant (falsch: brilliant) – „glänzend, hervorragend, sehr gut“. Die französische Aussprache [bri´jant] verlangt zwar einen i/j-Laut für das Doppel-l, aber schreiben tun wir ihn nicht.

6. Ich kann es Ihnen nicht ersparen, noch einmal auf das Lateinische hinzuweisen: Skurril (sonderbar) kommt vom lat. scurra (Witzbold), weshalb wir beim Doppel-r bleiben sollten (falsch: skuril).

7. Die Form „aussähen“ wird von der Grammatikprüfung nicht „angemeckert“, weil es sich um den 2. Konjunktiv Plural von „aussehen“ handeln könnte. Die Familie streute jedoch Saat aus, und hier wird aussäen ohne Längen-h geschrieben (falsch: aussähen).

8. Das Scherflein hat nun ganz und gar nichts mit „scharf“ zu tun und darf nicht umgelautet werden (falsch: Schärflein). Das Scherflein ist eine Sprachschöpfung Luthers für die geringe Gabe der armen Witwe, die aber mehr wert sei als das Goldstück des Reichen. Das Scherflein fällt unter die Scheidemünzen (Gegenteil: Kurantmünzen), bei denen der Metallwert geringer ist als der aufgeprägte Nominalwert. Warum heißen Scheidemünzen Scheidemünzen? Ich weiß es nicht. Das steht weder im Kluge noch im Grimm.

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