Meinung
Matz ab

Hunt wird Holtby vor die Nase gesetzt

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Foto: Andreas Laible / HA

Und der HSV auch. Auswärts in Mönchengladbach wird sich zeigen, wohin der Weg in dieser Bundesliga-Saison wahrscheinlich führen wird.

„Ich habe gar kein Gefühl“, sagte Uwe Seeler kürzlich bei der 8. Gala des Hamburger Fußball-Verbands im Hotel Grand Élysée und erntete für dieses ehrliche Bekenntnis viele Lacher. Der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft hatte nur auf eine Frage zu „seinem HSV“ geantwortet, die da lautete: „Herr Seeler, welches Gefühl haben Sie, wenn Sie an den HSV und die nun gerade angelaufene Saison denken? Es sind nun drei Spiele absolviert, es gab einen Sieg ...“

Seit Monaten hatte Uwe Seeler jede Prognose bezüglich eines Tabellenstands des HSV vermieden. Er wollte, so hieß es jedes Mal, die ersten vier Spieltage der Bundesliga abwarten, um dann vielleicht abschätzen zu können, wohin der Hase diesmal laufen wird. Mittelfeld oder doch wieder Abstiegszone? Heute gegen 22.20 Uhr wird nicht nur das Mittelstürmer-Idol schon etwas klarer sehen können, nämlich dann, wenn das Auswärtsspiel in Mönchengladbach beendet worden ist.

Bislang wissen selbst die Verantwortlichen aus dem Volkspark nicht so recht, was sie – zunächst einmal nur bis zum Jahreswechsel geblickt – erwartet. Trainer Bruno Labbadia befand vor dem heutigen Spiel: „Wir hatten zu dieser neuen Saison 15 Abgänge, das ist eine ganze Menge. Wir sind auf dem Weg, die Mannschaft zu verändern, wissen dabei aber sehr wohl, dass das noch ein steiniger Weg für uns wird. Jetzt müssen wir schnell sehen, dass wir in diesen Kader eine gewisse Stabilität hineinbringen können.“

Labbadia sagt aber auch: „Dass sich eine Mannschaft bei den vielen Wechseln erst finden muss, das dürfte jedem klar sein. Und wir müssen noch an vielen, vielen Dingen arbeiten, das wissen alle Verantwortlichen hier. Obwohl auch jeder natürlich weiß, dass man dafür in der Bundesliga nicht allzu viel Zeit bekommt.“

Labbadia schwärmt von Hunt
Labbadia schwärmt von Hunt
Video: abendblatttv

Weil alle nur auf den kurzfristigen Erfolg setzen. Vereinsführungen, die dem Trainer selbst bei einer langen Misserfolgsserie den Rücken stärken, sind da absolute Raritäten. Und im Falle des HSV ist nur zu hoffen, dass die Crew um Club-Chef Dietmar Beiersdorfer viel Geduld in Sachen Entwicklung der Mannschaft aufbringen wird. Erstens deswegen, weil die Vergangenheit deutlich gezeigt hat, dass nicht einer der vielen Trainerwechsel den HSV auch nur einen Schritt vorangebracht hat. Und zweitens macht sich im Umfeld des Vereins doch eine gewisse Aufbruchstimmung breit. Die HSV-Anhängerschaft ist gewillt, den nun eingeschlagenen Weg mitzugehen, weil Fortschritte erkennbar sind – wenn auch erst in Nuancen.

Der gesamten Mannschaft wird es zudem guttun, dass nun die viel zu lange Transferperiode endlich ein Ende gefunden hat. Es war (und ist) schon ein Unding, dass die Bundesliga-Saison bereits läuft und immer noch gewechselt werden darf. Das mag für Vereine, die noch dringend Verstärkungen benötigen, von Vorteil sein, für den Fan ist es aber nur eine unangenehme Wettbewerbsverzerrung.

Und wenn das allein schon ein Grund wäre, das gesamte Transfergeschäft auf jene Monate zu beschränken, in denen der Ball ruht (was durchaus machbar wäre), so kommt noch ein weiterer gewichtiger Punkt hinzu. Die Saison läuft, die Mannschaft – nicht nur die des HSV – soll sich schnellstens finden. Und dann, um nur ein Beispiel zu geben, wird ein Aaron Hunt (dessen Verpflichtung ich sehr begrüße!) einem Mann wie Lewis Holtby noch am letzten Tag „vor die Nase gesetzt“.

Verunsicherung dürfte ein Umstand sein, der sich da einstellt. Statt frei aufspielen zu können, muss ein jeder Spieler noch bis nach dem Saisonstart befürchten, immer neue Konkurrenz zu bekommen – und das wird nur die wenigsten Spieler tatsächlich kaltlassen. Jetzt, wo keine Wechsel mehr über die Bühne gehen können (außer bei den vertragslosen Spielern), kann sich ein jeder mit der Situation abfinden – oder auch nicht.

So gesehen hat Uwe Seeler recht. Erst mit dem vierten Spieltag lässt sich die Lage besser beurteilen. Obwohl im Falle des HSV natürlich neue Rückschläge nie ganz auszuschließen sind. Auch heute nicht.

Die HSV-Kolumne Matz ab erscheint täglich auch im Internet unter www.abendblatt.de/matz-ab