Meinung
Leitartikel

Wie gestaltet Hamburg den Spielbudenplatz?

Die abgebrannte Bühne an der Reeperbahn belebt eine alte Frage: Wie gestaltet die Stadt den Spielbudenplatz?

Was man an Dingen hatte, merkt man oft erst in dem Moment, in dem man sie verliert. Genauso wird es vielen Hamburgern gehen, die gestern an den noch qualmenden Überresten der westlichen Bühne auf dem Spielbudenplatz vorbeigefahren sind. Sie fehlt.

Eigentlich war der Spielbudenplatz mit seinen beiden beweglichen Bühnen eher eine Notlösung. Jahrzehntelang hatte die Stadt an der Brache im Herzen von St. Pauli herumexperimentiert, herumgedoktert, herumgeplant. Viele Politiker wollten sich hier ein Denkmal setzen, viele Stadtplaner das Antlitz des Kiezes aufhübschen, viele Künstler Visionen verwirklichen. Alle scheiterten. Nachdem 2003 wieder einmal hochfliegende Pläne, in diesem Fall eine 110 Meter hohe Kitsch-Installation des Pop-Art-Künstlers Jeff Koons, am Widerstand der Hamburger zerstoben waren, siegte 2005 schließlich ein besseres Provisorium. Aber es war eines, das auf den Kiez passte und Leben in die Spielbude brachte. Zuvor hatte sich der Platz als wüste Sandpiste präsentiert – ohne Leben, ohne Nutzung, ohne Sinn. Die Leere im Herzen von St. Pauli galt als Schande, die man keinem Touristen zeigen durfte.

Die Bühnen, damals eine Spende des Energieversorgers Vattenfall, gaben dem Platz Maß und Mitte zurück. Sie grenzten ihn von den Straßen Beim Trichter und David­straße ab, sie gaben ihm eine urbane Atmosphäre. Und das, obwohl die Bühnen selbst oft bloße Kulisse blieben und viel zu selten bespielt wurden. Aber dazwischen kehrte langsam das Leben zurück: Der Spielbuden- wurde zum Marktplatz des Stadtteils. Bei Großveranstaltungen wurde er zum Treffpunkt, beim Grand Prix oder dem WM-Rudelgucken zur Eventfläche. Zwischennutzungen wie Nachtmarkt, Winzerfest oder der Weihnachtsmarkt Santa Pauli brachten Menschen in den Stadtteil – selbst dann noch, als gegenüber wegen des Abrisses der Esso-Häuser eine gewaltige Baulücke im Herzen des Stadtteils gähnte. Das alles ist mit dem Feuer vom Dienstagmorgen zunächst einmal wieder anders. Beim Reeperbahn-Festival Ende des Monats wird die Bühne vermutlich schmerzlich vermisst werden.

Man darf gespannt sein, ob nun eine neuerliche Debatte um die Gestaltung des Spielbudenplatzes entbrennt und wieder Künstler aus aller Welt eingeflogen werden, um den Platz zu gestalten. Bevor Jeff Koons 2003 seine gigantischen Spielzeugkräne dort aufstellen wollte, wollte Niki de Saint Phalle zwei begehbare Nanas dort errichten. Diese Idee scheiterte wegen des Todes der Künstlerin. Überhaupt liest sich die Geschichte des zwei Hektar großen Platzes wie ein endloses Scheitern. Nachdem die Vergnügungsmeile mit Revuetheatern, Karussells und Varietés im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche fiel, begann das Herumdoktern. Eine „Weltattraktion“ mit historischen Fachwerkhäuschen und Katen wurde genauso verworfen wie ein gigantisches Dach, das den Spielbudenplatz überwölben sollte. 1971 entstanden dann 16 einstöckige Pavillons, die sich rasch als Bausünde herausstellten. Später war eine Pyramide mit Vergnügungszentrum und Spielbank, später ein monströser Betondampfer mit 9000 Quadratmetern Fläche, vollgestopft mit Schwimmbad, Theatern, Kasino und Rockpalast angedacht. Es mutet seltsam an, wie viel Hirnschmalz die Hamburger darauf verwendet haben, einen Platz zu zerstören.

Nun steht zu befürchten, dass nach dem Großfeuer die Planungen erneut beginnen. Auch wenn die Bühnen kein großer architektonischer Wurf waren, sie haben ihren Zweck erfüllt: Sie haben den Platz belebt. Solange keine besseren Ideen kommen, wäre es das Klügste, die kaputte Spielbude einfach wieder aufzubauen.