Meinung
Kolumne

Ein Plädoyer für German Vorsicht

Der Vorwurf, die Angst lähme die Deutschen, ist falsch. Wir schauen nur gern genau hin – in der Weltpolitik wie beim Überqueren der Straße

Sind die Deutschen besonders ängstlich? Das ist ihr Ruf, der von angelsächsischen Medien als „German Angst“ gern gebetsmühlenartig bestärkt wird. Aber ich glaube nicht daran. Mehrheitlich sind die Deutschen eher vorsichtig als ängstlich, wollen sich nicht auf undurchsichtige Manöver einlassen und bedenken lieber einmal zu viel als einmal zu wenig, welche Folgen das Ganze haben könnte – in der Weltpolitik wie beim Überqueren der Straße. Ehe sie sich richtig über etwas freuen, gucken sie erst mal, wer noch mitmacht und ob das Geld reicht.

Das ist doch sehr sympathisch und umsichtig. Weshalb wir Deutschen beispielsweise ja auch den Begriff „Technikfolgenabschätzung“ erfunden haben, etwas, auf das die Amerikaner nie kommen würden: Die laufen schon mit der Google-Datenbrille herum, bevor sie sich klargemacht haben, wessen Daten sie da auskundschaften und ob sie das dürfen.

In Deutschland hingegen wird so gründlich hingeschaut, dass wir sogar jährlich prüfen, ob und wie ängstlich wir sind. Das diesjährige Ergebnis des nationalen Angst-Index ist allerdings einigermaßen überraschend: Bei den Dauersorgen, die die R+V Versicherung seit 1992 in repräsentativen Studien abfragt, steht die Furcht vor Naturkatastrophen 2015 mit 53 Prozent auf Platz eins. Erst auf Platz zwei folgen die Angst vor Terroranschlägen (52 Prozent) und auf Platz drei die Angst vor Pflegebedürftigkeit im Alter und vor Spannungen durch Einwanderer mit jeweils 49 Prozent.

Nun ist die Wahrscheinlichkeit, in Wandsbek-Gartenstadt von einem Erdbeben betroffen zu werden, in etwa so groß, wie beim Einkaufen einem Schakal zu begegnen. Viel gefährdeter sind Städte wie Istanbul oder Palermo oder, man staune, Basel, das wegen seiner Lage am Oberrheingraben schon mehrfach Erdstöße erlebt hat. Allenfalls in der Eifel besteht eine geringe Möglichkeit, dass trocknende Wäsche innerhalb der nächsten 10.000 Jahre mal von Vulkanasche verschmutzt wird. In Timmendorfer Strand sind Quallen wahrscheinlicher als Tsunamis. Naturkatastrophen? Statistisch weit berechtigter wäre die Angst vor Haushalts­unfällen – drei Millionen jährlich. Also vor Schnittwunden beim Brotschneiden, einem Sturz beim Fensterputzen oder dem Rennen gegen Glastüren.

Aber um Wahrscheinlichkeiten geht es nicht beim Angst-Index. Was hier abgefragt wird, sind komplexe, manchmal medial verstärkte Zeitgeist-Angstvorstellungen. So erklärt sich auch, warum die Angst vor Terroraktionen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und Hotelanlagen in Sousse seit dem Vorjahr deutlich gestiegen ist, um 13 Prozentpunkte auf 52 Prozent.

Tief im Alltag unserer Gesellschaft schlummern ganz andere Ängste. Zum Beispiel Angst vor Ärzten und Zahnärzten, wobei man seit dem kollektiven Drogen-Selbstversuch in Handeloh auch noch die Heilpraktiker dazunehmen müsste. Oder die Angst vor Postämtern, etwa am Kaltenkirchener Platz in Altona, wo die Bevölkerung schon ohne Poststreik gefühlt ganze Lebensjahre in der Warteschlange verbringt. Neben bekannten Phobien vor Spinnen, Ratten, Schlangen, Spritzen, Tunneln, Aufzügen, Flügen und Höhe sind viele Ängste noch gar nicht richtig erforscht. Tausende Jugendliche gefrieren jedes Wochenende vor Deophobie (Angst vor dem falschen Deo). Gerade bei Vätern wurde eine ausgeprägte Angst vor Elternabenden beobachtet, die sie nur im präventiven Tiefschlaf überstehen. Eine steigende Zahl von Menschen leidet unter diffusen Kommunikationsphobien, etwa Angst vor Telefonumfragen, Spam-Mails oder fiesen Facebookeinträgen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, will uns ein Sprichwort weismachen. Nur ist sie uns genetisch eingepflanzt, seit wir vor 10.000 Jahren von Säbelzahntigern verfolgt wurden. Unsere Gehirne sind darauf geeicht, sich mit möglichen Gefahren auseinanderzusetzen, bevor sie eintreten. Hätten unsere Vorfahren ihre Angst vor Säbelzahntigern nur reflexartig herausgetrötet, gäbe es uns nicht. Das beste Hilfsmittel gegen Angst vor Griechen, EU, Flüchtlingen, Islamisten oder Vulkanausbrüchen ist deshalb die German Vorsicht: Information und Vernunft.