Meinung
Matz ab

HSV und die Szenen eines Elfmeters

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Foto: Andreas Laible / HA

Wenn ein Foul geahndet wird, das nur einer gesehen hat: der Schiedsrichter. Der aber hat Kritik nicht gerne – erst recht nicht von Kollegen.

Also doch! „Weiterspielen wäre die richtige Entscheidung gewesen.“ Das ist doch mal ein Wort. Gesagt von Hellmut Krug.

Der frühere Bundesliga-Unpartei­ische war einst die Nummer eins in der Welt und ist seit 2007 bei der Deutschen Fußball-Liga als Berater in Sachen Schiedsrichterwesen tätig. Bei ihm laufen die Fäden aller deutschen Profi-Unparteiischen zusammen. Und Krug nimmt mit Saisonbeginn 2015/16 per Video umstrittene Schiedsrichterentscheidungen des vergangenen Wochenendes unter die Lupe. Szenen, die die Fanseele vorher berührten – oder zum Kochen brachten.

So betrachtete Krug auch jenen Elfmeter, den der 1. FC Köln im Spiel gegen den HSV geschenkt bekommen hatte, als der Unparteiische Deniz Aytekin ein Foul ahndete, das nur er gesehen hatte. Der Strafstoß und die Rote Karte für HSV-Innenverteidiger Emir Spahic beschäftigten viele Anhänger der Rothosen noch immer. Weil es eine spektakuläre Fehlentscheidung war.

„Weiterspielen wäre die richtige Entscheidung gewesen.“ Das stellte Hellmut Krug nun fest. Und nicht nur er. Leider zu spät. Und leider nicht der Schiedsrichter, der die Partie in Köln geleitet hatte. Wobei Aytekin keine Ausnahme war, denn die TV-Experten, seine ehemaligen Kollegen aus der Bundesliga, hatten ihm sofort unterstellt, die absolut richtige Entscheidung getroffen zu haben. Was sollen sie auch sagen? Sie hauen doch ihren (Ex-)Kollegen nicht in die Pfanne.

Die Frage aber, die sich daraus ergibt, ist jene: Braucht der Fußball diese Experten? Leute, die sich Zeitlupen ansehen, um danach falsch zu entscheiden? Nur um niemandem weh zu tun?

Szenen eines Elfmeters. Drei habe ich persönlich und unmittelbar danach erlebt: Bei „Matz ab live“ sah unser Gast Tobias Homp die Szene in der Totalen des Fernsehens. Als der Kölner Modeste kurz vor dem HSV-Strafraum an den Ball kam, entfuhr es dem ehemaligen HSV-Profi Homp laut: „Nein, das gibt es doch nicht, der tritt auf den Ball...“ In Mülheim a. d. Ruhr sah der Unternehmer Peter von D. den Modeste-Fall und befand, als Aytekin Rot zückte: „Das ist jetzt aber zu übertrieben, für diese Schwalbe einen Feldverweis auszusprechen ...“ Es war Rot für Spahic. Und in Bern (Schweiz) sah der frühere St.-Pauli-Kapitän Rolf Höfert den Elfmeter und schrieb per SMS: „Die Roten wurden besch... Eine Frechheit.“

Schiedsrichter Deniz Aytekin erklärte via TV die Szene so: „Wir sehen den Kontakt ganz klar. Deswegen haben wir so entschieden, was wir auf dem Platz in Bruchteilen von Sekunden eben wahrgenommen haben.“ Wir? Ja, die drei Kollegen vom Spielfeldrand – auch sie hatten es falsch gesehen. Den Irrtum aber zugeben? Kein Thema. Auch keine Entschuldigung. Weil Aytekin seine Experten-Kollegen, die ihn ja (fast) alle unterstützt hatten, nicht bloßstellen wollte? Im heutigen Fußball wird eben geschickt und immer mehr taktiert.

Beim „Sport1-Doppelpass“ gab Moderator Thomas Helmer allerdings bekannt: „Unser Experte, ein ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter, sagt, dass das kein Elfmeter war.“ Kölns Manager Jörg Schmadtke fragte: „Wer ist denn euer Experte?“ Helmer: „Einer, der Ahnung hat.“ Der Name aber wurde verschwiegen. Sicher ist sicher. Der Mann könnte sonst ja Schaden nehmen. Schiedsrichter haben Kritik nicht so gerne, erst recht nicht von Schiedsrichtern.

Deswegen: abschaffen, diese Experten. Weil ja doch keiner die Wahrheit sagt. Obwohl auch das nicht ganz richtig ist. Denn da gibt es ja noch den ehemaligen Welt-Schiedsrichter Dr. Markus Merk (bei Sky). Der hat sich bei vielen Unparteiischen des deutschen Profi-Fußballs längst weit ins Abseits analysiert. Weil er hin und wieder doch die Dinge offen anspricht – ja, und selbst die Fehlentscheidungen.

Und das ist auch gut so. Denn Millionen von „Unparteiischen“, die sich als Fans tarnen, erkennen spätestens ja doch nach der zehnten Zeitlupe, was Sache ist. Weiterspielen wäre eben die richtige Entscheidung gewesen. Hoffentlich wird Hellmut Krug deshalb nicht auch von den Kollegen gemieden.

Die HSV-Kolumne Matz ab erscheint täglich auch im Internet unter www. abendblatt.de/matz-ab.