Meinung
Matz ab

Der Fingerzeig des Pierre-Michel Lasogga

Dieter Matz

Dieter Matz

Foto: Andreas Laible / HA

Will er den Kritikern den Mund verbieten? Mit seiner Geste nach dem Tor gegen Stuttgart hat sich der HSV-Stürmer keinen Gefallen getan.

Die Begeisterung war gigantisch. Die HSV-Fans johlten, juchzten und schrien vor Glück, sie rissen ihre Arme hoch und sprangen in die Luft, sie fielen glücklich taumelnd ihrem Tribünennachbarn um den Hals. Jubel, Trubel, Heiterkeit im Volksparkstadion – das gab es in der jüngeren Vergangenheit nicht allzu oft. Aber an diesem Sonnabend, an diesem 22. August 2015, herrschte beim HSV eine Stimmung wie beim Karneval in Rio.

Als den Rothosen im Spiel gegen Stuttgart in der 84. Minute doch noch der so sehnlichst erhoffte Ausgleich gelungen war, war schlicht und ergreifend der Teufel los. Ein Stück aus dem Tollhaus. Und mittendrin der Torschütze. Pierre-Michel Lasogga zeigte zuerst den Fans die etwas andere Jubel-Pose, denn er hielt sich den Finger vor den Mund. Dann drehte er sich zur Osttribüne und hatte immer noch den Finger auf seinen Lippen. Der HSV-Profi war in dieser vollkommenen Hamburger Glückseligkeit der einzige Hanseat, der nicht vor Freude abheben wollte.

Wieso, weshalb, warum? Das ist die Geschichte: „Vom Helden zum Bankdrücker.“ Im Sommer 2013 bewahrte Lasogga den HSV mit seinen Toren vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit. Der Torjäger wurde gelobt, gefeiert, hofiert. Und vom HSV gekauft. Für stolze 8,5 Millionen Euro wurde Lasogga von Hertha BSC losgeeist. Eine zu hohe Hypothek? Fest steht: Seit dem Sommer 2014 lief bei dem HSV-Stürmer kaum etwas. Verletzt, Formschwankungen, Ladehemmungen – es kam alles zusammen. In der vergangenen Spielzeit brachte es Lasogga zwar auf 26 Bundesliga-Einsätze, aber nur zu vier Törchen. Zwei davon in der Rückrunde, beide beim 3:2-Sieg über Augsburg. Keine besonders beeindruckende Bilanz. Zu seiner Entschuldigung hieß es immer wieder: „Pierre war verletzt, er hat keine Saison-Vorbereitung mitmachen können, daran lag es ...“

In diesem Jahr konnte Lasogga. Er war nicht verletzt, aber er kam trotz allem nicht in Fahrt. Und fand sich alsbald auf der Ersatzbank wieder. Logische Konsequenz für jeden Fußballer, bei dem es nicht rund läuft. Verantwortlich für die Bank waren aber weder die Fans noch die bösen Kritiker. Dennoch erhielten sie nach dem 2:2 von Lasogga die Aufforderung, den Mund zu halten. Ein frivol-süffisantes Unterfangen. Und mutig obendrein, denn: Lasogga verdient, das lehrte uns die „Bild“ (oder offenbarte es Sportdirektor Knäbels Rucksack?), 2,4 Millionen Euro als Grundgehalt pro Saison und erhält zudem noch eine fest vereinbarte Sonderzahlung von einer Million. Das ist nicht ganz so schlecht. Schlosser, Eis-Verkäufer, Busfahrer, Friseure, Bademeister oder Buchhalter verdienen, nun ja, geringfügig weniger. Ob sie allerdings bei entsprechenden Bilanzen ihren Kunden und/oder ihren Chefs per Fingerzeig bescheiden würden, ob der erbrachten Minus-Leistungen doch besser den Mund zu halten? Da bleiben Zweifel.

Dazu ein Tipp, wie es für Lasogga etwas besser laufen könnte: Wer Mittwoch Leverkusens Stürmer Stefan Kießling in der Champions-League-Qualifikation spielen sah, der wird erkannt haben: Dieser Mann läuft, kämpft und bringt sich für die Mannschaft ein, der ist sensationell. Zur Nachahmung empfohlen. Kießling war gegen Lazio Rom der beste Mann auf dem Platz. Nicht etwa gegen Carl-Zeiss Jena – gegen Rom. Und Kießling hätte allen Grund zu schmollen, denn er schießt Tore und wird dennoch von Bundestrainer Joachim Löw nicht mehr zur Nationalmannschaft eingeladen. Ich hoffe mal, das nur so am Rande, dass sich das demnächst ändern wird.

Zurück zum Lasogga-Problem. Natürlich kann auch ein Fußballer nicht immer gleich gut drauf sein. Ist er aber schlecht, kann und sollte er die Schuld dafür bei sich suchen. Statt zu maulen lieber trainieren, trainieren, trainieren. Und üben, üben, üben. Dann wird es auch wieder. Und wenn es dann rund laufen sollte, dann könnte er ruhig nach einem Tor auf Knien in Richtung Fankurve rutschen – und die Arme dankend gen Himmel erheben. Jeder HSV-Anhänger würde sich garantiert mit ihm freuen. Natürlich auch schon morgen, beim HSV-Spiel in Köln.