Meinung
Mama und Papa

Hilfe, die Kinder sind plötzlich weg

Hajo Schumacher mit den Söhnen Paul und Felix

Hajo Schumacher mit den Söhnen Paul und Felix

Foto: Massimo Rodari

Von Problemen, die auftauchen, wenn die Eltern zum ersten Mal seit 20 Jahren allein zu Hause sind und alle Freiheiten hätten.

Wir sind eine unvollständige Familie. Eigentlich sind wir derzeit überhaupt keine Familie. Der Große quält sich an der Hochschule durch Klausuren, der Kleine wurde in ein Sport- und Spaß-Camp verschickt. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren erleben die Chefin und ihr Wunscherfüller, wie es einst in der Rente zugehen wird. Wir werden Kultur machen, ein Buch lesen, ausschlafen, gemeinsam frühstücken und über ein paar Themen sprechen, die wir die vergangenen Jahre aus guten Gründen verdrängt haben.

Das erste Problem: Auch wenn die Kinder weg sind, sind sie immer noch da. „Wie es Hans wohl geht?“, fragte die Chefin 20 Minuten, nachdem ich das letzte Mal gefragt hatte: „Wie es Karl wohl geht?“ Beide Söhne waren telefonisch nicht zu erreichen. Der Kleine hatte im Ferienlager Handy-Verbot; der Große ging nicht ran, schon gar nicht vor 13 Uhr. Aha, wie interessant, ausgerechnet vormittags wird also gelernt, dachte ich in sentimentalem Gedenken an die eigene Uni-Zeit. Wir haben damals vormittags geschlafen, weil wir am Vorabend lernen wollten, was ein trunksüchtiger Kommilitone sabotierte, indem er uns in einen Biergarten verschleppte. Eigentlich wollten wir dann spätabends lernen, was ein bierbedingtes Beil im Kopf leider unmöglich machte. Also erst mal ausschlafen.

Und der Kleine? Die Chefin überlegte allerlei Vorwände, unter denen man bei den Betreuern anrufen könnte, ohne den Eindruck von Dauerpanik zu hinterlassen. „Wir könnten fragen, ob er seine Zahnspange regelmäßig trägt?“, überlegte Mona. Ich lehnte ab. Das zerkaute Ding lag bestimmt längst auf dem Grund eines Moorsees. Sobald die Chefin erführe, dass die Spange futsch ist, würde sie zudem Ersatz beim Kieferorthopäden ordern und per Helikopter ausliefern. So wird der Junge niemals selbstständig. Außerdem wollten wir doch die kinderfreie Zeit genießen.

Dummerweise erwischte mich in der ersten Woche eine Sommergrippe. Aus Angst vor Ansteckung verbannte mich die Chefin aufs Sofa. Kino fiel auch aus, weil der Film, den wir sehen wollten, nicht mehr lief. Einen Abend haben wir immerhin Fernsehen geguckt, jedenfalls bis zum Einschlafen, weshalb tiefsinnige Gespräche unterblieben. Dafür trafen wir uns immer wieder im Kinderzimmer. Die Chefin hatte sich Hansens Kopfkissen aufs Gesicht gelegt und atmete tief ein. Ich kratzte versonnen die Kaugummireste vom Schreibtisch und kam mir spießig vor, weil ich den Kleinen deswegen angeraunzt hatte. Wie engstirnig ich doch gewesen war. Ob mich mein kleiner Sohn überhaupt noch wiedersehen würde wollen? Hatte er im Ferienlager herumerzählt, dass sein Vater ein tobsüchtiger Kaugummihasser sei? Verzeih mir, meine kleine Sonne, flehte ich. Das Schluchzen der Chefin drang leise aus Hansens Bettdecke, die sie sich inzwischen um den Kopf gewickelt hatte. Unterm Bett entdeckte ich eine alleinstehende Socke. Wenn die Chefin das Kinderbett verlassen hatte, in einer knappen Stunde etwa, würde ich den Strumpf heimlich hervorangeln und versonnen daran riechen. In der zweiten Woche gewöhnten wir uns an das Alleinsein. Museum und Theater hatten wir gestrichen, dafür waren wir gemeinsam beim Discounter einkaufen gegangen. Wir sprachen über das Wetter, unsere Zipperlein und dass früher alles besser war. Faszinierend, wie schnell die Seniorifizierung voranschreitet, wenn keine Kinder da sind, an denen man sich abarbeiten kann.

Eines Morgens rief Karl an. Er hatte das Lernen unterbrochen, um seinen Heimatbesuch anzukündigen. Gleich danach rief der Oberaufseher vom Feriencamp an, um mitzuteilen, dass alles prima sei, sogar die Klammer sei noch da. Die Rückfahrt werde pünktlich angetreten. Die Chefin nahm das Kissen vom Kopf, wir knieten nieder und hoben die Hände zum Dankesgebet. Endlich würden wir wieder eine komplette Familie sein, zwei Tonnen verkeimter Jungsklamotten waschen, den Kühlschrank füllen und die Bengel kärchern dürfen. Ich war gespannt auf die neuesten Kraftausdrücke. Es bestand nicht länger die Gefahr tiefschürfender Gespräche. Das Leben in Freiheit ist langweilig. Wahre Erfüllung findet man nur als Geisel seiner Kinder.