Meinung
Kommentar

Die neue Bescheidenheit des FC St. Pauli

Carsten Harms

Carsten Harms

Foto: HA / A. Laible

Der Kiezclub verzichtet auf überzogene Saisonziele.

Es ist gerade einmal ein Jahr her, da glaubten in der damaligen Führungsetage des FC St. Pauli tatsächlich einige, die Mannschaft habe eine ernsthafte Chance, alsbald wieder in die Erste Bundesliga aufzusteigen. Die Realität sah bekanntlich völlig anders aus. Die für das ambitionierte Ziel verpflichteten Spieler erwiesen sich in der Mehrzahl als überfordert, nach vier Spielen musste der Trainer gehen, nach der Hinrunde war das Team Tabellenschlusslicht. Die Hypothek dieser Gruselserie wog so schwer, dass trotz des sportlichen Kraftakts im Frühjahr unter Trainer Nummer drei, Ewald Lienen, bis zum Abpfiff am letzten Spieltag noch der Absturz in die Drittklassigkeit drohte und letztlich nur denkbar knapp vermieden wurde.

Es war eine lehrreiche Erfahrung. Wenn der FC St. Pauli an diesem Sonnabend mit dem Heimspiel gegen Arminia Bielefeld in die neue Zweitligasaison startet, gibt es keine unrealistischen Parolen mehr. Es tut vielmehr gut, einen Trainer zu haben, der es grundsätzlich ablehnt, Saisonziele anhand eines Tabellenplatzes zu formulieren. Gerade in der Zweiten Liga, die diesmal mit zwei starken Aufsteigern voraussichtlich noch ausgeglichener ist, als sie es in den vergangenen Jahren ohnehin schon war, kann der tatsächliche Unterschied zwischen einem als erfreulich empfundenen sechsten Platz und einem vermeintlich enttäuschenden zwölften Rang aus einer minimalen Zahl von Punkten bestehen.

Das stattdessen formulierte Vorhaben, eine stabilere Saison als zuletzt zu spielen und den eigenen Fans im nun komplett fertiggestellten Millerntor-Stadion mehr Freude zu bereiten als über weite Strecken der beiden vergangenen Spielzeiten, ist sicherlich kein Wunschdenken. Der jetzt gelebte ­Realitätssinn tut dem Verein gut, die in der Vergangenheit gebauten Luftschlösser halfen dagegen immer nur der Konkurrenz.

Im Übrigen hat die Historie gezeigt, dass der FC St. Pauli immer dann zu besonderen Erfolgen fähig war, wenn dies überhaupt nicht erwartet wurde, wie bei den beiden jüngsten Bundesligaaufstiegen 2001 und 2010 ...