Meinung
Leitartikel

Bauen hat auch in Hamburg Grenzen

Der Autor ist Leitender Redakteur und berichtet über Stadtentwicklung

Der Autor ist Leitender Redakteur und berichtet über Stadtentwicklung

Foto: Bertold Fabricius / HA

Zu eng dürfen wir in Hamburg nicht wohnen. Sonst leidet die Attraktivität der Stadt

Oliver Schirg

Wie dicht wollen wir wohnen? Diese Frage treibt in diesen Monaten Stadtentwickler, Politiker und Bürger mehr denn je um. Vor allem jene Hamburger, die erleben, wie eine inzwischen lieb gewonnene Baulücke mit einem Neubau gefüllt wird.

Aktuell gibt es Streit um eine vom Bezirksamt Nord genehmigte Aufstockung eines Gebäudes am Isebekkanal. Während Anwohner und Experten der bezirklichen Stadtplanungsabteilung sich vehement gegen das Bauprojekt aussprachen, wurde es von Bezirksamtsleiter Harald Rösler genehmigt.

Der Bezirkschef und der Investor halten das künftig siebenstöckige Gebäude für vertretbar. Kritiker sprechen dagegen von einem erheblichen Eingriff in das gewohnte Stadtbild. Bislang galten am Isebekkanal viergeschossige Gebäude als obere Grenze.

Die Gefechtslage ist aber nur auf den ersten Blick eindeutig. Ein Investor hat ein wirtschaftliches Interesse daran, auf engem Raum möglichst viele Wohnungen zu errichten. Das ist nachvollziehbar. Bei der Bezirksverwaltung wird es schwieriger. Ihr Entscheidungsspielraum in Sachen Verdichtung ist geringer geworden.

Nach wie vor ziehen jedes Jahr Tausende Menschen nach Hamburg, arbeiten oder studieren hier und suchen eine Wohnung. Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum in Innenstadtnähe bleibt hoch. Das Wohnungsbauprogramm der vergangenen vier Jahre, in denen mehr als 11.000 Wohnungen gebaut wurden, war zweifellos richtig, hat aber zunächst an der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt der Hansestadt nicht viel ändern können.

Dass der rot-grüne Senat die Wiederauflage des Bündnisses für das Wohnen vereinbart, ist konsequent. Auch künftig sollen also jedes Jahr 6000 Wohnungen gebaut werden. In den Fokus von Politik und Wohnungswirtschaft ist zudem der Osten Hamburgs gerückt.

Insofern führt an Verdichtung in den angesagten Stadtvierteln kein Weg vorbei. Das ist auch erklärte Politik von Bürgermeister Olaf Scholz. Für die Verantwortlichen in den Bezirken heißt das in der Regel: Dort, wo gebaut werden kann, dort wird auch gebaut. Selbst wenn das bedeutet, höhere Gebäude als üblich zu genehmigen.

Verdichtung an sich muss also kein Problem sein. Allerdings, und das macht die Sache zunehmend kompliziert, heiligt der Zweck eben nicht alle Mittel. Verdichtung darf nicht dazu führen, dass ein Straßenzug seine Attraktivität verliert. Oberbaudirektor Jörn Walter hat recht, wenn er immer wieder darauf dringt, Neubauten müssten in die Umgebung passen.

Vor allem findet Verdichtung ihre Grenze, wenn sie nachhaltig die Wohnbedingungen der angestammten Bevölkerung verschlechtert, wenn Kitas überfüllt und die Verkehrssituation weiter verschlechtert werden. Dagegen aufzubegehren, hat wenig mit Egoismus oder mangelndem Gemeinsinn zu tun. Die Wohnqualität ist für die Attraktivität eines Quartiers mindestens genauso wichtig, wie es Durchmischung und bezahlbare Mieten sind.

Keine Frage, die Herausforderung ist groß. Man wird in jedem Einzelfall prüfen müssen, ob durch einen Neubau das Maß an akzeptabler Verdichtung überschritten wird. Wenn Bewohner von Erdgeschosswohnungen auf die Straße gehen müssen, um den Himmel zu sehen, hat das nichts mehr mit Lebensqualität zu tun.

Vor allem die Sozialdemokraten haben in den vergangenen Monaten viel Kraft in den Kampf um bezahl­baren Wohnraum gesteckt. Die Mietpreisbremse boxten sie gegen viele Widerstände durch. Es ist an der Zeit, dass mit derselben Energie das Thema Verdichtung angegangen wird.