Meinung
Hamburger Kritiken

Wie Chinesen deutsche Anleger abzocken

Firmen aus dem Reich der Mitte galten einst als Hoffnungswerte. Fast ausnahmslos haben sie ihren Investoren Riesenverluste beschert

Für Franz Beckenbauer war die Sache schon bei der Fußball-WM 1986 klar: „Was ihr Journalisten schreibt, interessiert mich so viel, als wenn in Peking ein Radl umfällt.“ Seitdem bewegen uns fallende Gegenstände in Fernost nur noch marginal. Auch auf den Crash an Chinas Börsen reagieren wir achselzuckend und blicken lieber auf das Euro-Theater in Athen. Dabei könnte sich die platzende Spekulationsblase in Peking zu einer ernsten Gefahr für die Weltwirtschaft auswachsen. Vielleicht passen Kapitalismus und Unfreiheit doch nicht so prima zusammen, wie uns einige chinabesoffene Manager weismachen wollten.

Deutsche Kleinanleger haben für diese Erkenntnis längst teuer bezahlt. Abgesehen vom Anzünden von Geldscheinen gab es in den vergangenen Jahren eine weitere Möglichkeit, sein Geld schnell zu vernichten – man musste es nur in chinesische Aktiengesellschaften in Deutschland investieren. 16 Unternehmen aus China gingen, mit Applaus begrüßt, seit 2007 in Frankfurt an die Börse; bei der Hälfte muss man heute kriminelle Machenschaften vermuten. Zwei Drittel konnten nicht rechtzeitig ihre Jahresabschlüsse 2014 vorlegen, knietief im Minus stecken sie alle. Einige Fälle sind so grotesk, dass man sie kurz erzählen möchte. Zumal ein Konzept dahinter stehen könnte: „Stupid German Money“ verfrühstücken nicht nur Hollywood-Produzenten gern, sondern auch chinesische Geldakrobaten.

Da gab es zum Beispiel eine Klitsche mit dem hübschen Namen Youbi­sheng. Dem vermeintlichen Kartonagenhersteller ging dummerweise der Vorstandschef verlustig, der seitdem nicht wieder auftauchte. Nun ist die Bude pleite. Und ein Fall von vielen.

Der Schuhhersteller Ultrasonic musste vermelden: „Nachforschungen haben ergeben, dass beide Vorstände ihre Wohnstätten offenbar verlassen haben und nicht auffindbar sind.“ Einer tauchte später wieder auf und erzählte, er sei im Urlaub gewesen und habe leider sein Handy verloren. Der andere blieb verschwunden – mitsamt der Firmenkasse.

Die Kleiderfirma King­hero ging pleite, nachdem der Vorstandschef das Geld der deutschen Anleger für private Geschäfte zweckentfremdet hatte. Asian Bamboo schockte seine Investoren regelmäßig, immerhin nie um eine Ausrede verlegen. Irgendwas kam halt immer dazwischen, jedes Jahr zum Beispiel das total überraschende Neujahrsfest. Der Wert, von der „FAZ“ einst als „China-Fantasie plus Umwelt­euphorie“ gefeiert, ist inzwischen auch insolvent.

Powerland, ein Möchte-gern-Luxuslabel, lockte mit Luftschlössern, verfügte aber leider nicht einmal über eine testierte Bilanz. Kürzlich hat der nach Eigenaussage „führende chinesische Hersteller von Handtaschen, Lederwaren und Accessoires“ sein Delisting bekannt gegeben. Wenn schon die Marktführer sich benehmen wie Hinterhofcasinos, wie agiert dann der Rest? Das Reich der Mitte scheint eher ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten für Trickser, Tarner, Täuscher zu sein. Beim Sportartikelhersteller Ming Le Sports existierten mehrere Kunden und Lieferanten nicht im Handelsregister. Der Firma geht es bald wohl genauso.

Nicht nur Kleinanleger fielen auf den China-Hype herein, auch das Unternehmen Grohe leistete sich zwei Drittel des Armaturenherstellers Joyou und damit einen echten Fauxpas. Die Chinesen hatten ihre Bilanzen geschönt und sind inzwischen bankrott. Der Uniformschneider Firstextile wollte kürzlich seinen Anlegern etwas Mut machen und lobte ein Barangebot aus. Kurz vor der Umsetzung wurde den Anlegern mitgeteilt, man habe leider keine Genehmigung für eine Auszahlung erhalten: „Grund sind die örtlichen Beschränkungen für derartige Dividendenzahlungen an ausländische Gesellschaften.“ Auf Deutsch: Das Geld ist weg.

Die Masche: Man sammelt das Geld in Deutschland ein, eröffnet eine etwas größere Briefkastenfirma – gern in Hamburg – und transferiert das Geld dann nach China. Dort ist es vor dem Zugriff der Aktionäre sicher; schön für Firmenchefs, blöd nur für die vermeintlichen „Anteilseigner“. Und ein Beleg dafür, dass zum funktionierenden Kapitalismus vor allem eines ­gehört: Regeln.