Meinung
Deutschstunde

Großbuchstaben sind wie Leuchttürme im Text

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Sie stören beim Schreiben, aber helfen beim Lesen. Es ist ein Unterschied, ob Willy Brandt Liebe genossen oder liebe Genossen hat.

Deutsch-Test an einer Schule in Eppendorf. Frage: Wie beginnt der Satz: „… hat Gold im Mund“? Antwort von Susanne, 5. Klasse: Mit einem Großbuchstaben! Damit hat das Mädchen zweifelsohne recht, wenn auch etwas anderes von ihm erwartet worden war. Immerhin hätte die Lehrerin die Frage besser formulieren müssen. Jede Lehrerin sollte eigentlich froh sein, dass ihre Schüler überhaupt noch etwas von den Großbuchstaben gehört haben. Schließlich spricht man im Smartphone-Zeitalter nicht ohne Grund bereits von der No-Shift-Generation.

Brauchen wir Großbuchstaben (Versalien) – brauchen wir sie wenigstens zur Kennzeichnung der Hauptwörter (Substantive)? Keine europäische Sprache kennt wie das Deutsche die generelle Großschreibung von Substantiven. Im Dänischen wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft, was allerdings weniger linguistische oder typografische Gründe hatte als die damals verständliche Abneigung gegen alles Deutsche.

Auch in der deutschen Schriftsprache war die Kleinschreibung bis um 1500 üblich. Danach bekamen erst die Absatzanfänge (meist als Initial), dann die Titel wie Heilig, Hochwohlgeboren oder Gnädig und schließlich unstrukturiert einige Substantive einen großen Buchstaben am Wortanfang verpasst. Derselbe Satz, der 1522 bei Luther lautete Die ernd ist gros, wurde 1545 bereits als Die Erndte ist gros gedruckt.

Während im Barock die Versalien mehr Schnörkel und Verzierungen waren, setzte sich am Ende des 18. Jahrhunderts eine konsequente Großschreibung der Substantive durch. Das heißt, nicht bei allen. Jacob Grimm (1785–1863), der Begründer der Germanistik, blieb stur bei der Kleinschreibung. Das macht seine Sammlung allerdings nicht gerade benutzerfreundlich und mag der Grund sein, dass die 33 Bände seines „Deutschen Wörterbuchs“ bei mir im untersten Regal hinter dem Fernsehsessel verstauben. Konrad Duden teilte den deutschen Wortschatz fein säuberlich in großgeschriebene und in kleingeschriebene Wörter ein, und dabei blieb es – was nicht bedeutet, dass nicht immer wieder einmal ein Vorstoß wider die Großschreibung unternommen worden ist. Die westdeutsche Kultusministerkonferenz wollte 1973 die Kleinschreibung amtlich einführen.

So zynisch es klingen mag, aber wenigstens in diesem Punkt bewahrte uns die deutsche Teilung vor derlei Unfug. Eine getrennte Rechtschreibung diesseits und jenseits der Mauer wollte man nun doch nicht riskieren.

Damals waren viele Mustersätze im Umlauf, bei denen nie klar war, ob wir darüber lachen oder weinen sollten. Ein Beispiel gefällig? der regierende bürgermeister willy brandt hat in berlin liebe genossen. So konnte es nicht bleiben, das merkten sogar die Befürworter der Kleinschreibung. Als Erstes sollte man den Satzanfang großschreiben: Der, und natürlich auch den Eigennamen: Willy Brandt. Berlin als Frontstadt muss natürlich einen großen Anfangsbuchstaben bekommen, und der Berliner Bürgermeister als Winkelried der Demokratie gegen die Flut des Kommunismus erst recht. Ob ein Berliner Bürgermeister viel zu regieren hat, ist nebensächlich, auf jeden Fall gebührt ihm der Titel Regierender, und ein Titel ist ebenfalls großzuschreiben.

Nun bleibt noch die Frage, ob Willy Brandt Liebe genossen oder liebe Genossen hatte. Wenn wir an sein späteres Ende als Bundeskanzler denken, ist beides möglich. Er hat unter den Augen der Stasi reichlich außereheliche Liebe genossen, hatte in der SPD aber auch liebe Genossen nach der bekannten Steigerung „Freund, Feind, Parteifreund“. Man sieht, ein Großbuchstabe an der richtigen Stelle kann durchaus nützlich sein, um derartige Zweifelsfälle zu klären!

Es gibt noch weitere Beispiele: Der gefangene floh; das ist eine schale suppe; wenn wir weise reden hören. Natürlich erschließt sich der Sinn meistens durch den Kontext, durch den Zusammenhang der Sätze. Doch ist unsere Muttersprache derart variabel bei der Wortbildung und Satzstellung, dass die Großbuchstaben beim Lesen hilfreich den Weg weisen können – wie Leuchttürme, die das Schiff sicher in den Hafen bringen.

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