Meinung
Gastbeitrag

Die enormen Chancen der Energiewende

Foto: Heidi Michel-Debor

Auch dies ist eine Lehre aus dem G7-Gipfel: Konzerne, die immer noch auf Öl, Kohle oder Atomstrom setzen, verspielen ihre Zukunft

Der weltweite Klimaschutz wird immer bedeutsamer. Das G7-Treffen in Elmau hat nochmals deutlich gemacht, dass die großen Nationen entschlossen sind, die Treibhausgas-Emissionen deutlich zu senken. Die Formulierung des „Zwei-Grad-Ziels“ ist dabei lediglich politisch motiviert: Wollte man es ernsthaft umsetzen, müsste man schon heute damit beginnen, die Treibhausgase deutlich zu vermindern. Dennoch ist es ein wichtiges Ziel und ein wichtiger Meilenstein für die Klimakonferenz in Paris. Die „Dekarbonisierung der Wirtschaft“, das heißt die Senkung der Treibhausgase um 80 bis 90 Prozent bis zur Mitte des Jahrhunderts, hat zur Folge, dass das gesamte Energie- und Mobilitätssystem umgestellt werden muss. Der Stromsektor wird dann in erster Linie auf erneuerbaren Energien basieren und die Mobilität auf Nachhaltigkeit umgestellt werden müssen. Ein Großteil der fossilen Energien dürfte nicht mehr verbrannt werden und müsste im Boden bleiben.

Die Finanzmärkte antizipieren diese Entwicklung schon heute und sprechen von einer „Carbon Bubble“, der Kohlenstoffblase, einer deutlichen Überbewertung der Unternehmen der fossilen Energien. Immer mehr Investoren suchen nachhaltige Kapitalanlagen, die auf zukunftsweisende Märkte setzen. Berühmte Investoren wie Rockefeller oder Warren Buffett ziehen ihr Geld aus fossilen Energien ab und investieren es in erneuerbare Energien und nachhaltige Technologien. Von dieser „Divestment“-Strategie machen auch immer mehr Fonds oder Universitäten Gebrauch. Zu Recht!

Die wirtschaftlichen Chancen der globalen Energiewende hin zu mehr erneuerbaren Energien und zu mehr Energieeffizienz sind enorm. 2014 wurde global zum ersten Mal mehr in erneuerbare Energien investiert als in fossile. Dieser Trend wird kaum aufzuhalten sein, da die Kosten für erneuerbare Energien immer weiter sinken, wohingegen sie für fossile Energien und Atomenergie immer weiter steigen. Es gibt somit zunehmend Überlegungen, wie jüngst vom Norwegischen Staatsfonds, Kapitalanlagen auszusortieren, die besonders umweltverschmutzend sind – dies betrifft etwa Unternehmen, die einen hohen Anteil von Kohlestrom haben. Viele Fonds haben strikte Nachhaltigkeitskriterien, die mehr und mehr fossile Energien ausschließen. Das macht vor allem Konzerne nervös, die noch immer vor allem fossile Energien nutzen. Große europäische Ölkonzerne haben jüngst eine revolutionäre Stellungnahme abgegeben: Sie wollen, dass weltweit die CO2-Preise steigen. Dies würde der Dynamik der Weltmärkte in der Tat mehr Rechnung tragen als das Vertrauen mancher Energieunternehmen, die vor allem auf fossile Energien setzen, dass alles schon so bleiben werde, wie es immer war. In Deutschland leiden die großen Energiekonzerne – RWE und Co. – vor allem daran, dass sie die Dynamik der deutschen Energiewende völlig falsch eingeschätzt haben und noch immer viel zu sehr auf alte Geschäftsmodelle setzen. Anteilseigner bewerten die RWE-Aktien auch deshalb schlechter, weil ein zu hoher Anteil Kohlestrom vorhanden ist.

Auch die schwedische Regierung hat sich Klimaschutzziele gesetzt, in die der hohe Anteil von besonders klimaschädlicher Braunkohle des staatseigenen Energiekonzerns Vattenfall nur wenig hineinpasst. Aus diesem Grund wird sich Vattenfall aus Deutschland zurückziehen. E.on hat beispielsweise eine kluge Strategie gewählt und wird sicherlich mit seinen Zukunftskonzepten auf mehr Interesse nachhaltiger Investoren stoßen als diejenigen Konzerne, die an ihrer konventionellen Energieerzeugung stur festhalten. Die Märkte gehören denen, die sie sehen – und richtig reagieren.

Wenn man das Zwei-Grad-Klimaschutzziel somit ernst nimmt und man weltweit sofort und unwiderruflich daraus schließen würde, dass künftig kaum noch Kohle, Öl und nur noch geringe Mengen Gas gefördert werden, hätten wir es tatsächlich mit einer Kohlenstoffblase zu tun, die sofort platzen könnte. Da man aber davon ausgehen kann, dass es – aus politischen Gründen – eher eine langsame Verminderung des Einsatzes fossiler Energien geben wird, ist die Carbon Bubble eher ein Luftballon, der nicht sofort platzt, dem aber in den nächsten Jahrzehnten mehr und mehr die Luft ausgehen wird.