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Bürgerkrieg im Jemen: Raketen auf Weltkulturerbe

Thomas Frankenfeld

Thomas Frankenfeld

Foto: Andreas Laible / HA

Der Bürgerkrieg im Jemen hat schon Tausenden Menschen das Leben gekostet. Und ein Juwel arabischer Baukunst versinkt in Trümmern.

Ein feuerroter Warnhinweis mit Ausrufezeichen begrüßt die Besucher der Homepage der Deutschen Botschaft in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Dann folgen die knappen Worte: Die Botschaft ist bis auf weiteres geschlossen. Die drastische Maßnahme ist sicher nicht überzogen: Im Oktober 2013 war ein Sicherheitsbeamter der Botschaft erschossen worden. Und Sanaa selbst ist inzwischen Teil eines Kriegsschauplatzes geworden.

Der blutige Bürgerkrieg im Süden der Arabischen Halbinsel, in den mittlerweile große Teile der arabisch-vorderasiatischen Region verwickelt sind, hat nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation bislang rund 2600 Todesopfer gefordert; mehr als 11.000 Menschen wurden verletzt.

Im Jemen kämpfen zaiditisch-schiitische Huthi-Rebellen gegen die Anhänger des nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Abdal Rabbo Mansur Hadi. Seit Ende März hat Nachbar Saudi-Arabien unter militärischer Mitwirkung von acht weiteren Staaten einen massiven Feldzug unter dem Namen „Sturm der Entschlossenheit“ gegen die Huthi begonnen. Denn das radikal-sunnitische Regime in Riad beschuldigt den schiitischen Iran, die Huthi-Offensive zu benutzen, um den Einfluss Teherans bis an die saudische Grenze und darüber hinaus auszudehnen. Damit ist der Bürgerkrieg im Jemen zu einem weiteren Schlachtfeld im überregionalen Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, zwischen Sunniten und Schiiten, geworden. Die Saudis als traditionelle Hüter der Heiligen Stätten Mekka und Medina fürchten die Herausforderung durch die Mullahs in Teheran. Dieser erbitterte Kampf tobt unter anderem bereits in Syrien, im Irak und in Libyen.

Der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit ihren zweieinhalb Millionen Einwohnern kommt im Islam und kulturell eine besondere Bedeutung zu. Der Prophet Mohammed selbst soll 628 den Bau der ersten Moschee in jener Stadt in Auftrag gegeben haben, die nach einer alten Legende Noahs Sohn Sem als Gründer nennt und seit mehr als 2500 Jahren besiedelt ist. Sanaa war einst ein Zentrum für die Ausbreitung des Islam. Dort stehen heute noch mehr als 6000 Häuser, 100 Moscheen und 14 Hamams, also öffentliche Bäder, aus der Zeit vor dem 11. Jahrhundert. Seit 1986 gehört Sanaa daher mit Recht zum Weltkulturerbe.

Umso erschütternder ist, dass nach den barbarischen Zerstörungen antiker Stätten in Syrien durch die Horden des „Islamischen Staates“ nun auch Teile der Altstadt von Sanaa Opfer des Krieges geworden sind. Nach Augenzeugenberichten traf im Morgengrauen eine von einem Kampfjet abgefeuerte Rakete mehrere uralte Häuser und ein Hamam, die unwiederbringlich in Trümmer sanken. Fünf Menschen starben in den kollabierenden Gebäuden. Irina Bokova, die bulgarische Generalsekretärin der Unesco, sagte, sie sei schockiert und total erschüttert über den Verlust an Menschenleben und über den Schaden, der einem der ältesten Juwelen islamischer Stadtlandschaften zugefügt worden sei. Prachtvolle Turmhäuser und schöne Gärten seien in Schutt verwandelt worden. Die Häuser bestehen aus gestampftem Lehm auf einem Steinfundament und sind mit geometrischen Mustern in islamischer Tradition aus gebrannten Ziegeln und Gips verziert.

Angesichts der internationalen Empörung beeilte sich der Sprecher der saudischen Luftwaffe, Brigadegeneral Ahmed al-Assiri, zu behaupten, dass saudische Jets keinen Angriff auf die Kulturstadt geflogen hätten. „Wir wissen doch, wie bedeutend diese Stätte ist“, sagte der General. Er vermutete, ein Munitionsdepot der Rebellen könne explodiert sein.

Anfang des Monats hatte die Unesco bereits Luftangriffe der Anti-Huthi-Koalition auf den rund 2500 Jahre alten Großen Staudamm von Marib kritisiert. Das Bauwerk gilt als Meisterleistung der Antike. Und eine Woche zuvor war das Nationalmuseum von Dhamar, 110 Kilometer südlich von Sanaa, vollkommen zerstört worden. Dhamar, ebenfalls ein altes Zentrum arabisch-islamischer Kultur, ist die Heimatstadt des 2012 zurückgetretenen jemenitischen Ex-Herrschers Ali Abdullah Salih, der die Rebellen unterstützt. Der Krieg im Jemen ist zu einer Geißel für die Menschen wie für die uralte Kultur des Landes geworden.

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