Gastbeitrag

Keine Angst vor dem Wettbewerb

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Hariolf Wenzler
Dr. Hariolf Wenzler ist Geschäftsführer der Bucerius Law School

Dr. Hariolf Wenzler ist Geschäftsführer der Bucerius Law School

Foto: privat

Gute Hochschulen brauchen sich auch vor TTIP nicht zu fürchten. Sie sollten sich als Orte der Innovation sehen.

Das geplante Freihandelsab­kom­men zwischen der EU und den USA muss zur Zeit für eine Menge ­herhalten. Globalisierungsgegner, Umweltaktivisten, Sozialisten links und Nationalisten rechts fürchten den Untergang des Abendlandes, wenn wir den Handel mit Amerika erleichtern und intensivieren.

Das arme Chlorhühnchen ist das Symbol einer dumpfen Angst geworden, die sich bei vielen anscheinend im Bauch ausbreitet und den Kopf aussetzen lässt. Nüchtern betrachtet ist TTIP für Europa und insbesondere für eine Freie und Handelsstadt wie Hamburg eine große Chance auf erleichterten Zugang zu neuen Märkten, mehr ­Möglichkeiten für Produzenten und Konsumenten, ein Schub für mehr Austausch, Innovation und Wettbewerb und am Ende mehr Wohlstand für die ganze Gesellschaft. Zumal die USA kein Land sind, dem man unterentwickelten Verbraucherschutz, Kennzeichnungspflicht oder Produkthaftung vorwerfen würde.

Natürlich bringt ein größerer Markt mehr Wettbewerb mit sich, der Produzenten hüben wie drüben zwingt, nicht stehen zu bleiben und sich am Markt zu behaupten. Darauf kann man reagieren wie ein Unternehmer, indem man sich mit den Bedürfnissen des Marktes auseinandersetzt, sich anstrengt, innovativ zu sein und seine Produkte und Prozesse permanent verbessert und weiterentwickelt. Oder man verhält sich dazu wie ein Lobbyist, indem man die eigene Branche zur Ausnahme erklärt und sich damit vor Wettbewerb schützt.

Letzteres hat jüngst Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg getan, der im Einklang mit der deutschen Hochschulrektorenkonferenz verlautbaren ließ, man müsse den gesamten Bildungsbereich aus TTIP ausnehmen, weil ansonsten „innerhalb kürzester Zeit Scharen von US-Universitäten und -Schulen hier Niederlassungen eröffnen“ würden. Wenn ein ausgewiesener Wissenschaftler – und Wissenschaft ist heute eine globale, im Wettbewerb stehende Angelegenheit – sich so äußert, dann lässt das aufhorchen.

Wenn Stanford, Columbia oder die NYU tatsächlich einen Campus in Hamburg errichten würden, was wäre daran schlimm? Sie würden auch hier um die besten Studenten werben, Studiengebühren erheben und um Sponsoren werben. Und wenn ihnen das gelänge, müssten unsere Unis davon lernen und sich überlegen, wie sie sich aufstellen müssen, um an der Spitze dazu zu gehören. Das müssen sie im Übrigen sowieso: Mit der Digitalisierung der Bildung und Angeboten von Universitäten wie Harvard, Stanford und dem Massachusetts Institute of Technology auf Internetplattformen wie iTunesU, EdX oder Coursera, aber auch mit renommierten deutschen Anbietern wie der RWTH Aachen, der Jacobs University oder dem KIT in Karlsruhe auf der hiesigen Plattform iversity gibt es zunehmend Konkurrenz um gute Studenten und gute Lehre.

Für viele Unis in den Niederlanden, die auf Englisch unterrichten, agil, wendig und unkompliziert sind, sind deutsche Abiturienten die größte und wichtigste Zielgruppe aus dem Ausland, weil sie in Maastricht, Utrecht oder Groningen genau das finden, was sie an vielen öffentlichen Hochschulen in Deutschland vermissen: einen Fokus auf guter Lehre, kleine Gruppen, Internationalität, Offenheit.

Die privaten Hochschulen in Deutschland, die in den vergangenen Jahren übrigens überproportional gewachsen sind, weil sie sich an der Bedürfnissen ihrer Studenten ausrichten, verhalten sich schon immer so, sonst gäbe es sie nicht (mehr). Die Bucerius Law School hat Partnerschaften mit 34 US-amerikanischen Hochschulen, von denen sie lernt, mit denen sie ­Studenten austauscht und Forschungsprojekte vereinbart.

Mehr Wettbewerb würde natürlich auch uns antreiben, deshalb gerne: new ideas welcome! Alle Hamburger Hochschulen sollten sich als Orte der Kreativität, der Innovation, der Forschung, Bildung und Ausbildung verstehen, denen Offenheit und internationaler Wettbewerb guttut. Sie sollten nicht Zäune errichten und sich zu Artenschutzgebieten erklären.

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