Meinung
Leitartikel

Die Fifa-Krise ist nicht vorbei

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Nach dem Rücktritt von Joseph Blatter braucht das Fußballsystem ein radikales Umdenken.

Über den HSV hat der eine oder andere gelästert: Nicht mal absteigen können sie. Übertragen auf Joseph S. Blatter müsste man nun klagen: Nicht mal richtig zurücktreten kann er.

Selbstverständlich ist der Rückzug des amtierenden Präsidenten der Fédération Internationale de Football Association, kurz Fifa, richtig. Warum der 79-Jährige sich aber nur wenige Tage zuvor überhaupt noch wählen ließ, darüber kann nur spekuliert werden. Wer so an der Macht gehangen hat wie der Schweizer, bei dem ist eine freiwillige Amtsaufgabe unvorstellbar. Völlig realitätsfremd erscheint seine Vorstellung, noch bis März 2016 die Geschäfte weiterführen zu können. Was erlauben Sepp?

Ausgerechnet Blatter, dem es nachweislich nicht gelungen ist, seinen Laden im Griff zu halten – womöglich steckt er selbst im Korruptionssumpf –, soll die Weichen für einen dringend benötigten Neustart stellen? Nein, das kann es nicht sein. Und früher oder später wird Blatter einsehen, dass seine Zeit abgelaufen ist.

Wer auch immer Blatters Position einnehmen wird, er täte gut daran, die Fifa als Dienstleistungsunternehmen für jeden Fußballfan auf der Welt anzusehen. Die Fifa braucht keinen neuen Chef, der glaubt, so wichtig zu sein wie Könige, Staatsoberhäupter oder Götter, sondern einen Wächter, einen Beschützer des Fußballs, wie ihn so viele Millionen Menschen lieben. Das Vertrauen zurückgewinnen kann die Organisation aber nur dann, wenn sie in der Zukunft für eine maximale Transparenz sorgt. Wie geheimbündlerische Systeme aufgebrochen werden können, hat gerade IOC-Präsident Thomas Bach bewiesen, der dem Internationalen Olympischen Komitee mehr Offenheit und Informationspflicht verordnet hat. Es geht also, wenn man nur will.

Es mag naiv sein: Warum soll es einem „gemeinnützigen“ Verein wie der Fifa nicht möglich sein, Geldströme in Höhe von zehn Millionen Euro zu überwachen? Und es kann doch nicht angehen, dass sich bei verdächtigen Unregelmäßigkeiten das kranke System selbst überprüft und zügig Absolution erteilt. Natürlich wäre es blauäugig zu glauben, man könne auf einen Schlag sämtliche korrupten Netzwerke zerstören, schließlich müssen üppige Geldgeschenke an Fifa-Mitglieder ja bekanntlich nicht zwingend über die Verbandskonten laufen. Das Mittel der Abschreckung mit dem Androhen von schmerzhaften Strafen bis hin zum Aberkennen von Abstimmungsberechtigungen könnte die Versuchung zumindest eindämmen.

Ist der Wille nach einem Neuanfang wirklich vorhanden, MUSS auch die Vergangenheit komplett aufgeklärt werden. Gerade Deutsche sollten ja etwas vorsichtig sein mit Anschuldigungen, schließlich gibt es durchaus Indizien, dass vor der WM 2006 nicht alles ganz so sauber lief. Aber: Lässt sich beweisen, dass die WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 nur über schmierige Wege zustande kamen, muss eine Neuausschreibung her.

Wenn die größten Fifa-Brände gelöscht sind, gilt es aber auch, sich detailliert Gedanken zu machen, wofür der Verband überhaupt stehen will. Es gilt, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Fußball längst nicht mehr nur Sport ist. Nie mehr darf es passieren, dass eine WM in einem Land ausgetragen wird, in dem Menschenrechte groß missachtet werden oder die Arbeitsbedingungen menschenunwürdig sind. Die soziale Funktion des Fußballs muss viel stärker gewürdigt werden, sonst droht er noch mehr zu dem zu verkommen, zu dem ihn die Fifa schon getrieben hat: zum Geschäft.