Meinung
Frankenfelds Welt

Der wahre Held von Waterloo

Thomas Frankenfeld

Thomas Frankenfeld

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas L

Er lief mitten im Kugelhagel auf das Schlachtfeld, um verletzten Soldaten zu helfen: Wie Dominique Jean Larrey zum Vater der Notärzte wurde

Der Juni 2015 schließt die Serie von Gedenken an die napoleonischen Schlachten vor 200 Jahren ab. Erinnerten wir uns im Oktober 2013 an die Völkerschlacht bei Leipzig mit ihren 100.000 Toten, so steht nun Waterloo im Fokus. Der Name des kleinen Ortes in Belgien, wo jene gewaltige Bataille am 18. Juni 1815 stattfand, die endgültig das Schicksal des französischen Kaisers Napoleon besiegelte, wurde zum Synonym für Scheitern und Untergang. In den Festreden und historischen Abrissen werden immer wieder die Namen der „üblichen Verdächtigen“ auftauchen: Napoleon natürlich; aber auch Wellington und Blücher dürften mit Sicherheit erwähnt werden, gewiss die französischen Marschälle Grouchy und Ney oder die preußischen Offiziere Gneisenau und Clausewitz, von denen später noch viel zu hören war.

Ein Name wird wohl nur selten erwähnt werden: Dominique Jean Larrey. Der Begriff des Heldentums hat in Deutschland einen schalen Klang; vor allem wenn Krieg und Schlachten den Hintergrund liefern. Doch dieser Franzose hat allen Anspruch auf dieses Etikett. Führen wir uns einen Moment das entsetzliche Schicksal der verwundeten Soldaten jener Zeit vor Augen. Die großkalibrigen Musketenkugeln, die oft den schmutzigen Uniformstoff mit in die Schusskanäle zogen; die Säbelhiebe und Lanzenstiche, vor allem aber die Kugeln und Kartätschen der brüllenden Kanonen von sechs, neun und zwölf Pfund Kaliber, verursachten entsetzliche Verletzungen und Verstümmelungen. Es war üblich, dass die Sanitäter erst das Ende einer Schlacht am Rande abwarteten, während die Schwerverletzten ihre Schmerzen hinausschrien und meist an Schock, Blutverlust und Infektionen starben.

Es konnte Tage dauern, bis Hilfe kam. Die Überlebenden wurden in provisorische Lazarette gekarrt – oft Kirchen oder Scheunen –, wo sie dicht gedrängt auf Stroh lagen und darauf warteten, dass der Chirurg mit Säge und Messer an ihnen tätig wurde, was oft nur noch ihre Todesqualen verstärkte.

Dominique Jean Larrey, 1769 in einem Pyrenäendorf geboren, studierte Medizin, wurde Chirurg und erwarb erste praktische Fähigkeiten an Bord der Fregatte „Vigilante“. Im Laufe seines Lebens sollte Larrey an 25 Feldzügen, 60 Schlachten und 400 Gefechten teilnehmen. Die Bedingungen der damaligen Wundversorgung widerten ihn an. Er lief daher einfach auf das Schlachtfeld, um dort erste Hilfe zu leisten – was gegen das Militärreglement verstieß und ihm Tadel sowie Inhaftierung einbrachte. Doch Larrey zeigte sich davon unbeeindruckt und entwickelte gegen erhebliche Widerstände der Militärs die „fliegenden Ambulanzen“ – kleine, geschlossene Pferdewagen, in denen Verwundete schnell vom Schlachtfeld gebracht und bereits an Bord von Chirurgen notversorgt werden konnten. Die Idee wurde später von der preußischen Armee übernommen. Larrey gilt damit als „Vater der Notärzte“, Urahn des Roten Kreuzes und de-facto-Erfinder der Triage, der Sichtung und Priorisierung von Notfallpatienten.

Larrey, der von Napoleon als „der ehrenwerteste Mann und beste Freund der Soldaten, den ich je kennengelernt habe“, bezeichnet und nach der Schlacht von Wagram in den Baronen-stand erhoben wurde, lief mitten im Kugelhagel von einem Verwundeten zum nächsten – ohne übrigens auf ihre Nationalität zu achten –, wurde mehrfach selber verwundet und geriet in der Schlacht von Waterloo gar in preußische Gefangenschaft. Der Umstand, dass er in Dresden den Sohn von Feldmarschall Blücher durch eine Operation gerettet hatte, bewahrte ihn vor der Erschießung. Der alte „Marschall Vorwärts“ setzte ihn umgehend frei und lud ihn nach der Schlacht zum Essen ein. Der Duke of Wellington hatte so viel Hochachtung vor Larrey, dass er seine Artillerie anwies, nicht auf das französische Feldlazarett zu feuern, das Larrey mitten auf dem Schlachtfeld errichtet hatte. Larrey, der zum Leibarzt Napoleons und zum Chefchirurgen der „Grande Armee“ aufstieg, entwickelte schonendere Formen der Amputation und verbesserte etliche chirurgische Behandlungsmethoden. Er starb hochgeehrt 1842. Medizinische Begriffe sind nach dem großen Chirurgen benannt und sein Name steht am Pariser Triumphbogen. Dieser Name steht für einen Lichtstrahl der Menschlichkeit in der Hölle der Schlachten.