Meinung
Kommentar

Gallinas Fehlstart mit Ansage

Jens Meyer-Wellmann

Jens Meyer-Wellmann

Foto: Bertold Fabricius

Hamburgs neue Grünen-Chefin vermag nicht zu überzeugen.

Ja, stimmt. Man könnte es als Zeichen einer lebendigen, innerparteilichen Demokratie werten, dass die neue Hamburger Grünen-Chefin Anna Gallina bei ihrer Wahl nicht 96, sondern 56 Prozent der Stimmen bekommen hat. Immerhin gab es eine Gegenkandidatin. Nach diesem Lob des demokratischen Wettbewerbs darf man dann aber auch gerne einen Blick auf die nackten Fakten werfen. Und die zeigen, dass die 31-jährige Gallina am Sonnabend einen echten Fehlstart hingelegt hat. Denn erstens hatte kaum jemand die gar nicht in Hamburg lebende Gegenkandidatin Sava Stomporowski ernst genommen, die sich in ihrer Bewerbung mehr mit dem Wiener Kongress als mit Hamburg beschäftigte. Und zweitens gab mehr als ein Viertel der anwesenden Mitglieder die Stimme keiner von beiden Kandidatinnen.

Die Analyse ist deswegen einfach: Die Grünen sind nicht glücklich mit ihrer neuen Chefin. Das zeigt auch die geringe Beteiligung der Mitglieder an der Wahl. Gallina wurde offenbar gewählt, weil es keine überzeugendere Kandidatin gab – und weil Männer bei den Grünen nach einem ungeschriebenen Gesetz und gelebter Praxis nicht Chef werden dürfen (wie auch immer das mit dem Grundgesetz vereinbar ist). Andernfalls wäre Michael Gwosdz mit seinen mehr als 92 Prozent Zustimmung nicht Stellvertreter, sondern Vorsitzender geworden.

Gallinas mageres Ergebnis hat wohl auch mit ihrem Auftreten zu tun. Auch beim Parteitag gab sich die zweifache Mutter eher laut und auftrumpfend als klug und analytisch. Dass Olaf Scholz es mit ihr zu tun bekommen werde und sie „auch die Marktschreierin machen“ könne, betonte sie so schrill, dass mancher im Publikum zusammenzuckte. Dabei steht diese krachlederne Form der Darstellung in scharfem Kontrast zu der Tatsache, dass die Grünen in der rot-grünen Koalition inhaltlich wenig durchsetzen konnten. Dass sich Grüne und ihre Wähler durch Gejohle über inhaltliche Schwächen hinwegtäuschen lassen, ist nicht zu vermuten. Das zeigt auch das Ergebnis. Künftig werden es vor allem die Senatsmitglieder sein, die den Ton bei den Grünen angeben. Ihnen kann es seit Sonnabend herzlich egal sein, wer unter ihnen Parteichefin ist.