Meinung
Leitartikel

Jetzt reicht es aber, Herr Blatter

Carsten Harms ist Redakteur im Sportressort des Abendblatts

Carsten Harms ist Redakteur im Sportressort des Abendblatts

Foto: HA / A. Laible

Die Fifa versinkt im Korruptionssumpf. Und der Chef will von alldem nichts gemerkt haben?

Das Wichtigste, was der Fußball-Weltverband Fifa am Mittwochvormittag bei seiner eilig einberufenen Pressekonferenz zu verkünden hatte, war doch irgendwie beruhigend: Der Fifa-Kongress an diesem Donnerstag und Freitag in Zürich inklusive der Wahl des Präsidenten wird wie geplant stattfinden. Auf die Fifa ist eben Verlass. Von Festnahmen einiger ihrer Spitzenfunktionäre im Morgengrauen in einem Züricher Nobelhotel, nur wenige Stunden vor Eröffnung des Kongresses, lässt sich dieser Koloss von Sportverband doch nicht aus der Bahn werfen! Und auch der offenbar dringende Verdacht der Verschwörung und Korruption gegen die in Auslieferungshaft verbrachten Herrschaften wird scheinbar gelassen zur Kenntnis genommen. Augen zu und durch – dieses Motto hat ja noch immer geholfen.

Dem Fifa-Sprecher Walter de Gregorio war aber auch ganz wichtig: „Joseph Blatter wird nicht verdächtigt.“ Und auch sein Generalsekretär Jérôme Valcke gehört nicht zu den Beschuldigten. Na bitte, dann besteht ja kein Grund zur Aufregung und zu einer kurzfristigen Korrektur des Zeitplans. Der 79 Jahre alte Blatter will sich schließlich am Freitag in seine fünfte Amtszeit als Fifa-Präsident wählen lassen, da muss man sich vor dieser Krönung doch nicht unnötig von Polizeieinsätzen, Festnahmen und Anklagen ablenken lassen. „Er tanzt natürlich nicht in seinem Büro“, ließ sich de Gregorio noch entlocken, als er über Blatters Gemütszustand sprach – immerhin.

Nicht überliefert ist, ob sich der Herrscher des Weltfußballs womöglich und klammheimlich die Hände gerieben hat, nachdem er über die Festnahmen informiert worden war. Es ist tatsächlich zu befürchten, dass Blatter auch aus dem Beben von Zürich wieder einmal unbeschadet herauskommt. Mehr noch: Sylvia Schenk, die Leiterin der Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International, früher Richterin und Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, glaubt gar, dass Blatter gestärkt aus dem spektakulären Schlag der Ermittler hervorgehen könnte.

Damit dürfte sie bedauerlicherweise richtig liegen. Das Ergebnis der Wahl am Freitag, bei der nur noch Prinz Ali bin Al Hussein aus Jordanien als Gegenkandidat Blatters übrig geblieben ist, wird es zeigen. Der afrikanische Kontinentalverband CAF hat am Mittwoch schon mal eilig eine Wiederwahl Blatters empfohlen.

Selbstverständlich gilt auch für einen unbeliebten, in die Jahre gekommenen und auf seinem Präsidentenstuhl klebenden Joseph S. Blatter die grundsätzliche Unschuldsvermutung, solange keine Beweise gegen ihn vorliegen. Dennoch ist es nicht ernsthaft vorstellbar, dass der 79-Jährige seit Jahrzehnten ohne eigenen Fehl und Tadel einen Verband führt, in dem offenbar Bestechung, Korruption und Geldwäsche bis hoch zu seinen Vize-Präsidenten an der Tagesordnung sind.

Immerhin scheint es jetzt eine echte Chance zu geben, dass durch die beiden Ermittlungsverfahren in den USA und in der Schweiz die seit Langem angeprangerten Machenschaften innerhalb der Fifa, insbesondere die Umstände der Vergaben der beiden kommenden Fußball-Weltmeisterschaften in Russland und Katar, aufgedeckt werden.

Präsident Blatter war entweder doch an den Verfehlungen aktiv beteiligt oder hat sie widerspruchslos geduldet oder hat von alledem gar nichts gemerkt. Welche dieser drei Möglichkeiten auch immer zutrifft, muss für die Fifa Anlass für einen echten Neubeginn sein – ohne Blatter und dessen Selbstherrlichkeit. Ein „Weiter so“ darf es jetzt nicht mehr geben, wenn die Fifa wenigstens einen Funken an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will.