Meinung
Frankenfelds Welt

Die blutige Rache der Hamas

Thomas Frankenfeld

Thomas Frankenfeld

Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas L

Nach einem neuen Bericht von amnesty international nutzte die Hamas den Gazakrieg 2014, um Dissidenten und Rivalen zu ermorden.

Fast ein Jahr ist es her, dass sich die nahöstlichen Dauerspannungen in einem blutigen Waffengang im Gazastreifen entluden. In der massiven Militäroperation „Protective Edge“ hatte die Zahal, die israelische Armee, im Juli und August 2014 auf den monatelangen Raketenhagel aus dem Gazastreifen und die Entführung und Ermordung von drei israelischen Jugendlichen durch die radikalislamische Hamas reagiert. Am Ende waren mehr als 2100 Palästinenser tot, viele von ihnen Zivilisten, darunter wohl 500 Kinder; und 73 israelische Soldaten waren gefallen. Israel sah sich mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert, seine Kampfpiloten hätten ihre Bomben ohne viel Rücksicht auf Wohngebiete ausgeklinkt, und Bodentruppen hätten in etlichen Fällen Zivilisten absichtlich ins Visier genommen.

An vorderster Front der Empörung: die im Gazastreifen diktatorisch herrschende Hamas. Doch abgesehen davon, dass es die Hamas gewesen war, die damals die eigene Zivilbevölkerung mit Gewalt daran gehindert hatte, Gebiete zu verlassen, die von den Israelis im Voraus als Ziele bezeichnet worden waren, belegt ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai), dass die Hamas den Schatten des Krieges dazu benutzte, Rechnungen mit Dissidenten blutig zu begleichen. In dem am Mittwoch veröffentlichten Report heißt es, die Hamas habe mindestens 23 Palästinenser hingerichtet und Dutzende weitere bestialisch gefoltert. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte weit höher liegen.

„Im Chaos dieses Konfliktes gab die de-facto-Regierung der Hamas ihren Sicherheitstruppen freie Hand, um grauenhafte Misshandlungen an Menschen in ihrem Gewahrsam zu begehen“, sagt Philip Luther, der ai-Direktor für die Region Naher Osten und Nordafrika. Verschleppt, gefoltert und ermordet wurden vor allem Mitglieder der im Westjordanland regierenden Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Die Hamas benutzte den beliebig auslegbaren und dehnbaren Vorwurf der Zusammenarbeit mit Israel.

Dabei hatten Fatah und Hamas erst Anfang Juni 2014 versucht, die bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Palästinenserfraktionen zu beenden und eine Einheitsregierung zu bilden. Das Massaker an Fatah-Mitgliedern zeigt jedoch, wie tief die Gräben zwischen den Rivalen sind.

Nach Einschätzung von ai-Direktor Luther ist die „brutale Kampagne“ teilweise als Kriegsverbrechen einzustufen. Die meisten der Hingerichteten saßen in Hamas-Haft und warteten auf einen Prozess. „Diese grauenhaften Taten waren Racheakte und hatten das Ziel, Furcht im ganzen Gazastreifen zu verbreiten“, sagte Luther.

Am 22. August hatte die Hamas sieben Palästinenser von schwarz vermummten Henkern auf einen Platz vor einer Moschee in Gaza-Stadt führen und öffentlich vor einer Menschenmenge exekutieren lassen. Ein Gerichtsverfahren hatte es nicht gegeben. Die Leiche eines der Getöteten wurde hinter einem Auto durch die Straßen gezerrt. Nach Angaben von amnesty waren die Hinrichtungen Teil einer geplanten Hamas-Operation unter einem Namen, dessen Übersetzung etwa „Hälse abwürgen“ lauten würde.

Die Hamas hat den Gazastreifen völlig abgewirtschaftet, steht auch innenpolitisch unter großem Druck und benutzt blanken Terror, um Proteste im Keim zu ersticken. Der Bruderkampf unter den Palästinensern sowie die Tatsache, dass die Hamas ihre Gelder vor allem in den Kampf gegen Israel steckt, anstatt den Gazastreifen wieder aufzubauen, hat das Herrschaftsgebiet der Hamas an den Rand des Zusammenbruchs geführt, wie die Weltbank jetzt bilanzierte.

Nach einem Bericht der Bank ist die Arbeitslosenrate im Gazastreifen die höchste der Welt – mit nun 44 Prozent ist sie elf Prozent höher als vor dem Krieg, bei Jugendlichen beträgt sie gar 60 Prozent. 40 Prozent der Palästinenser dort leben in bitterer Armut; 80 Prozent beziehen irgendeine Art von Unterstützung. Doch diese Zahlen, so heißt es in dem Bericht, könnten das wahre Ausmaß des Leidens der Bevölkerung von Gaza nicht darstellen.