Meinung
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ESC: Leistungsschau der Konsensmusik

Den Eurovision Song Contest nur nicht ernst nehmen!

Der Eurovision Song Contest versteht sich als musikalisches Utopia, in dem die Völker Europas (plus einige Bonus-Staaten) in friedlichem Wettbewerb antreten und beweisen, dass unser aller Zusammenleben in Harmonie möglich ist, so lange es genügend Windmaschinen und Glitzer gibt. Das Konzept, Politik nur im Rahmen diffuser Wünsche nach Weltfrieden und Völkerverständigung zu erlauben, ansonsten rigoros auszublenden, scheint aufzugehen, Jahr für Jahr für Jahr.

So auch 2015: Russland holt mit seinem Friedens-Dramolett „A Million Voices“ den zweiten Platz, der schwedische Sieger erklärt uns alle zu Helden unserer Zeit – die zugegebenermaßen mit „den Dämonen in unseren Köpfen“ tanzen, aber da wollen wir mal nicht so kleinlich sein, und alles ist schön. Buhrufer für die Russin werden mit strenger Miene darauf hingewiesen, dass es an diesem Abend nicht um Politik gehe. Das ist sogar in den Regeln verankert, die dem ESC seine Form geben. Texte, Aufrufe und Ähnliches mit politischem Inhalt sind explizit verboten, genau wie Flüche, Beleidigungen und alles, was den Anschein der Harmonie stören könnte. Die Verweigerung dieser Sphäre des Daseins geht so weit, dass man kein Problem damit hatte, den Wettbewerb 2012 in Aserbaidschan auszutragen, einer allenfalls formalen Demokratie, das auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 160 rangiert.

Der ESC ist nicht mehr als eine Unterhaltungs-Veranstaltung, ohne musikalische oder gar politische Relevanz. Ob er stattfindet oder nicht, welches Land gewinnt, hat keinerlei Einfluss auf irgendetwas, vielleicht mal abgesehen von den Plattenverkäufen des Gewinners. Da mögen der Sieg von Conchita Wurst im Vorjahr noch so sehr zum Fanal für die Gleichstellung erhoben werden und die vielen Regenbogen-Fahnen beklatscht. Am Ende bleibt er nicht viel mehr als eine alljährliche Auszeit von der Realität, von der popkulturellen und der politischen.

Man kann den Song Contest ablehnen oder verteidigen, für seinen Lieblingssong abstimmen oder es bleiben lassen, den Sieger bejubeln, verdammen, ignorieren. Nur eines sollte man vermeiden: diese Leistungsschau der Konsensmusik ernst zu nehmen.