Meinung
Deutschstunde

Manche Reform-Vorschläge waren dämlich

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Der Verfasser, 73, ist „Hamburgisch“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprach-Kolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

95 Jahre lang dauerte es bis zur Rechtschreibreform von 1996, doch an seltsamen Entwürfen dazu gab es vorher keinen Mangel.

Die deutsche Rechtschreibung ist ein Kompromiss aus phonetischen, historischen und etymologischen (wortgeschichtlichen) Elementen. Sie ist über Jahrhunderte gewachsen, zwar nicht regellos, aber nicht so systematisch gesteuert, dass sie in ein einheitliches Wörterbuch münden konnte. Wolf Schneider, der Altmeister der Sprachkritik, drückt es drastischer aus: „Die Sprache stammt aus der Steinzeit – und sie ist auch danach!“

Noch im 19. Jahrhundert pflegte jede Offizin (Buchdruckerei), Kanzlei und Behörde ihre eigenen Schreibweisen. Selbst die Lehrer desselben Kollegiums hatten unterschiedliche Ansichten über die Orthografie, was den Schülern von Stunde zu Stunde eine große Anpassungsfähigkeit abverlangte. Schließlich setzte sich der Direktor des Königlichen Gymnasiums zu Hersfeld hin und gab im Jahre 1880 ein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ heraus. Sie kennen alle seinen Namen. Es handelte sich um Konrad Duden. Sein 214 Seiten starkes Werk, kartoniert für eine Mark vom Bibliographischen Institut in Leipzig angeboten, trug wie kein zweites zur Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung bei.

Es diente auch als Vorlage für die Beschlüsse der Staatlichen Orthographiekonferenz in Berlin vom Jahre 1901, die eine amtlich geregelte, weitgehend einheitliche Rechtschreibung festlegte – jedenfalls für die Bereiche, auf die der Staat Zugriff hatte: auf Schulen und Behörden. Privatpersonen wie mein Großvater schrieben weiterhin in steilen deutschen Buchstaben „Rath“ und „Thür“. Die Konferenz kam nur zu einem Abschluss, weil sie mancherlei Kompromisse schloss. Es war damals nicht anders als heute: Wenn sich zwei Professoren über die Schreibweise eines Wortes streiten, werden am Ende drei Möglichkeiten erlaubt. Auch war die Zeit um 1901 eine andere. Man konnte zwar der „Thür“ und dem „Thor“ das „h“ wegnehmen, aber doch bitte nicht dem Thron! Das wäre Majestätsbeleidigung gewesen.

Umfeld, Freizeit und Verkehr waren unterschiedlich. Fast in jedem Städtchen gab es eine Fahrradfabrik. Die Radfahrer beherrschten die Straßen, machten die Pferde scheu und ärgerten die Fußgänger, die ihnen den Fluch „Immer diese Radfahrer!“ hinterherschickten. Also legte man fest, dass das alltägliche Verb „radfahren“ klein- und zusammenzuschreiben sei. Autos waren 1901 eher selten und eine Sensation. Deshalb wurde Auto fahren getrennt und großgeschrieben. Die Schüler mussten bis zum 1. August 1998 also sorgfältig unterscheiden, ob sie „Auto und radfuhren“ oder „rad- und Auto fuhren“.

Es war Konrad Duden selbst, der gleich nach der Konferenz eine Reform der Beschlüsse forderte. Es dauerte aber 95 Jahre, bis eine solche Rechtschreibreform beschlossen werden konnte. Am 1. Juli 1996 unterzeichneten Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein und einige benachbarte Länder mit deutschsprachigen Bevölkerungsteilen eine zwischenstaatliche Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschrei-bung. Davor hatte es im Jahresrhythmus Reformvorschläge gegeben, die fast alle – Pardon! – an Dämlichkeit nicht zu überbieten waren. So sollte nach den Stuttgarter Empfehlungen von 1954 neben der Großschreibung das Dehnungs-h, das Längen-e und die Vokaldoppelung abgeschafft werden. Das hätte zu „zan, wise, libe“ und „bot“ geführt. Österreich und die Schweiz protestierten.

Hinzu kam, dass die Kulturhoheit mit dem Grundgesetz auf die Bundesländer übergangen war. Die Kultusminister und Schulsenatoren, vielfach Ministerinnen und Senatorinnen, verstanden sich häufig mehr als Ideologen denn als Pädagogen. Sie treffen sich in der Kultusministerkonferenz, die doch 1973 tatsächlich den Beschluss zustande brachte, durchgehend die Kleinschreibung einzuführen. Die deutsche Teilung bewahrte uns davor, dass dieser Beschluss umgesetzt wurde, da mit einem Entgegenkommen der DDR nicht zu rechnen war. Eine getrennte Rechtschreibung in Kreuzberg und Friedrichshain diesseits und jenseits der Berliner Mauer wollten selbst die Achtundsechziger nicht riskieren.

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