Meinung
Karasek

„Heim ins Reich“: Typisch Piefke

Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Wie Didi Hallervorden bei einer Preisverleihung in Wien die deutsch-österreichische Kulturverbrüderung verstörte.

Durch einen (beruflich bedingten) Zufall war ich vergangene Woche in Wien und dort Zeuge eines Eklats, der in der sonst so harmonischen Kulturszene zwischen Deutschland und Österreich wie eine Bombe explodierte. Didi Hallervorden, Berliner Kultfigur, Theaterdirektor und Komiker, also die Inkarnation der Wiener Hassliebe-Figur des „Piefke“, wurde mit einem Medienpreis geehrt. Bei der Entgegennahme sagte „Didi“, er werde den Preis gerne „Heim ins Reich“ mitnehmen.

Die Aufregung war groß, der preußische Preisträger stach mitten ins Herz der ohnehin komplizierten Geschichte zwischen Deutschland und Österreich, die ich als fünfjähriges Kind – im alten Kakanien geborener Eltern – hautnah miterlebt hatte. 1938 hatte Adolf Hitler, genannt „Der Führer“, die Österreicher auf dem Wiener Heldenplatz nach einem Staatsstreich unter dem Jubel der Heimgeholten oder Heimgesuchten ins so proklamierte „Großdeutsche Reich“ einverleibt. Ich war Deutscher geworden aufgrund der Sudetenland-Annexion – ein Ereignis, das schnurstracks in den Zweiten Weltkrieg führen sollte wie Sarajevo in den Ersten, der ja bekanntlich zu Versailles und damit zu Hitler geführt hat.

Der Jubel 1938 war groß, die daraus resultierende europäische Katas­trophe gigantisch. Nach dem Krieg verschlug es mich nach Deutschland, erst in die DDR, dann in die Bundesrepublik. Ich erlebte neidvoll staunend, wie Österreich erst unter vier Besatzungsmächten in Zonen und in der Hauptstadt in Sektoren geteilt wurde, sich dann aber zum ersten Opfer der Hitler-Aggressionen mauserte und von Moskau vertraglich in eine wohltuende vereinte Neutralität entlassen wurde, während wir anderen Deutschen den Kalten Krieg etc. durchleben mussten.

„Die Österreicher“, so hat es mir Billy Wilder, der aus Kakanien stammende Berliner, der nach 1933 zwangsläufiger, aber sehr erfolgreicher Amerikaner wurde, spöttisch erzählt, „haben das Kunststück fertiggebracht, aus Beethoven einen Österreicher und aus Hitler einen Deutschen zu machen“. Helmut Qualtinger hat die seltsame Wandlung seiner Heimat im „Herrn Karl“, einer Wiener Hausmeister-Satire, mit perfider Herzlichkeit festgehalten.

Inzwischen ist längst Gras über diese Wunden gewachsen. „Piefkes“ können, zumindest vorübergehend, Salzburger Festspieldirektor oder gar Wiener Burgtheater-Chef werden. Und nun kommt Didi Hallervorden als der notorische Esel, der das Gras wegfrisst und einen österreichischen Preis „Heim ins Reich“ ausgerechnet nach Berlin mitnimmt. Typisch Piefke.