Meinung
Leitartikel

Islamismus und der Preis der Freiheit

Die Gefahr durch Islamisten ist auch in Deutschland groß – und wird nicht weichen.

Es waren Glück und Geschick, die offenbar ein Blutbad in Deutschland verhindert haben: Aufmerksame Baumarkt-Mitarbeiter haben das mutmaßliche Terroristenpärchen der Polizei gemeldet. Und Sicherheitskräfte, die einen richtig guten Job gemacht haben. Auch das muss einmal gesagt werden: In der hysterischen Debatte der vergangenen Wochen über die Geheimdienste ging einiges durcheinander – sie wurden als große Gefahr dargestellt, seit Donnerstag ahnt man: Sie könnten der Sicherheit dienen. Nämlich dann, wenn es um die Bekämpfung islamistischer Bedrohung geht.

Deutschland, daran kann niemand mehr zweifeln, steht im Fadenkreuz der selbstermächtigten „Gotteskrieger“. Dass es hier bislang nur einen schweren Anschlag gab, war auch Zufall. Im Juli 2006 legten Islamisten zwei Bomben in Regionalzügen. Sie explodierten nicht, weil sie falsch konstruiert waren. Ein Jahr später flogen die Bombenbauer der Sauerland-Gruppe auf, 2011 die „Düsseldorfer Zelle“. Der Sprengsatz im Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 detonierte ebenfalls nicht; im März 2011 aber tötete ein junger Kosovo-Albaner zwei US-Soldaten auf dem Frankfurter Flughafen und verletzte zwei weitere schwer. Eine Aufzählung, die man gerade den Schönrednern und Abwieglern immer wieder ins Gedächtnis rufen muss. Islamisten hassen unsere Freiheit, unsere Lebensweise, unsere Demokratie. Sie halten Mord nicht für eine Sünde, sondern ihre religiöse Pflicht. Es verwundert schon, dass viele Deutsche die größte Gefahr weiterhin unbeeindruckt im Links- oder Rechtsradikalismus verorten. Am Mittwoch – also vor dem jüngsten Anschlagsversuch – fiel Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) mit einer bizarren Aussage auf: „Für das Funktionieren der Demokratie stellt die pauschale Verunglimpfung des Islams und der Muslime durch rechtsextreme Islamhasser eine mindestens ebenso große Gefahr dar wie islamistische Einstellungen.“ In Anbetracht der Attentatsversuche von 700 deutschen Dschihadisten, die inzwischen in einen unheiligen Krieg gezogen sind, von 106.000 Facebook-Fans des Salafisten-Predigers Pierre Vogel, ist das eine seltsame Sichtweise. Mindestens ebensogroß? Eher andersherum wird ein Schuh draus. Kritik an Islamismus und den Feinden der Freiheit darf man eben nicht rechtsradikalen Hooligans oder plumpen Pegida-Populisten überlassen. Der Kampf gegen den Islamismus muss eine Bürgerbewegung sein. Sie darf nicht gegen den Islam gerichtet sein, sondern gegen dessen Abart, den Islamismus. Er darf nicht gegen die Muslime, sondern muss mit ihnen – der breiten Mehrheit friedliebender Bürger muslimischen Glaubens – geführt werden. Weil es genau um die Verteidigung der Freiheit geht, um das Grundrecht, anders zu denken, zu fühlen und zu glauben, ist in dieser Bewegung niemals Platz für Rechtsradikale. Aber auch den Salafisten muss jede Bewegungsfreiheit genommen werden.

Mehr Mut zum Streit und zur Debatte ist das eine, das andere ist Gelassenheit. Wir werden vermutlich über Jahre oder Jahrzehnte mit islamistischer Gefahr und Terrorangst leben müssen. Sie lässt sich nicht ignorieren – das haben die Absagen des Karnevals in Braunschweig oder nun des Radrennens in Frankfurt nach den Terrorwarnungen gezeigt. Großveranstaltungen wird man hin und wieder absagen können, das Leben aber in einer offenen Gesellschaft darf der Terror nicht bestimmen. Die Angst darf uns nicht verzagen lassen. Weil es um die Freiheit geht, müssen wir uns die Freiheit nehmen. Auch wenn sie mit gewissen Risiken verbunden ist. So bitter es ist: Damit werden wir leben müssen.