Meinung
Frankenfelds Welt

Die Frage von Schuld und Ehre

Thomas Frankenfeld

Thomas Frankenfeld

Foto: Hamburger Abendblatt / Andreas L

Die Türkei leugnet noch immer den Völkermord an den Armeniern – und rügt den Papst, weil er die Wahrheit ausspricht. Klug ist das nicht

Hat es dem Ansehen der Deutschen geschadet, dass sie sich in den vergangenen Jahrzehnten ohne Wenn und Aber zu den Massenmorden des Holocaust bekannt haben? Nein, im Gegenteil. Geschadet hat dem Ansehen unseres Volkes in der Welt natürlich, dass wir diese unfassbaren Gräueltaten begangen haben. Doch dass wir uns nicht vor der historischen Verantwortung gedrückt haben, dass wir bereit waren und sind, aus der Vergangenheit zu lernen, das hat uns Respekt eingetragen.

Die Schoah ist nicht vergleichbar mit anderen Bluttaten der Geschichte. Die eisige Unmenschlichkeit, mit der „Aktenordner und Guillotine“ kombiniert wurden, um ein Volk wohlorganisiert auszurotten, wie Simon Wiesenthal einmal sagte, ist ohne Parallelen.

Doch an Bestialitäten und Völkermorden ist die menschliche Historie reich; nicht erst angefangen von den gezielten Massakern und Schädelpyramiden der alten Assyrer. Wie gehen andere Völker mit ihrer Schuld um?

Die Japaner zum Beispiel, unsere Verbündeten im Zweiten Weltkrieg, taten sich lange sehr schwer, sich eindeutig zu den Morden an Millionen Menschen im asiatisch-pazifischen Raum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu bekennen. Man versuchte zunächst, die Schuld auszusitzen, denn es ging um die Ehre von Nation und Kaiserhaus. Mittlerweile haben sich mehrere Premiers für Japans Kriegsverbrechen entschuldigt. Doch es gibt immer noch Stimmen wie die des – darob entlassenen – Stabschefs der Luftwaffe, General Toshio Tamogami, der 2008 in einem von der Luftwaffe preisgekrönten Artikel erklärte, Japan sei gar kein Aggressor gewesen, und im Übrigen habe der Krieg China, Taiwan und Korea Wohlstand gebracht.

Die Frage der nationalen Ehre steht auch für die Türkei bezüglich des Völkermordes an den Armeniern vor 100 Jahren im Vordergrund. Die meisten Historiker der Welt sind sich darin einig, dass bis zu 1,5 Millionen Armenier Opfer einer gezielten türkischen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik wurden. Papst Franziskus hat am Montag im Petersdom daran erinnert und das in der Türkei streng verpönte Wort Völkermord benutzt. Das hatte auch schon Papst Johannes Paul II. getan. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan fühlte sich bemüßigt, den Pontifex für diesen „Fehler“ zu „rügen und zu verwarnen“. Wenn Politiker und Geistliche die Arbeit von Historikern übernähmen, dann käme eben so ein „Unsinn“ dabei heraus, sagte Erdogan. Es ist schon dreist, wenn ein autoritärer Potentat wie Erdogan, der vor Jahren wegen islamistischer Hetze eine Haftstrafe und zeitweise Berufsverbot erhielt, das Oberhaupt der Katholischen Kirche rügen will, weil der Papst eine weithin anerkannte Tatsache zitiert hat.

Der verbissene Widerstand gegen ein Schuldeingeständnis; das selbstgerechte Festhalten an der Version, eine sehr viel kleinere Zahl von Armeniern, die man aufgrund von Aufständen gezwungenermaßen habe umsiedeln müssen, sei irgendwie in den damaligen Wirren ums Leben gekommen, wurzelt tief im türkischen Selbstverständnis. Und in den Ängsten, die die Türken seit dem kläglichen Zusammenbruch des einst mächtigen Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg umtreiben. Der „kranke Mann am Bosporus“ will man nie wieder sein. Der oft ungesund überhitzte türkische Nationalismus wird auch und gerade von Erdogan gepflegt.

Erst 2010 wurde auf internationalen Druck hin der berüchtigte Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuches leicht entschärft, der jegliche „Beleidigung des Türkentums“ unter strenge Strafe stellte. Allein Hunderte Autoren, darunter der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, der den Mord „an einer Million Armeniern“ thematisierte, wurden aufgrund dieses Paragrafen vor Gericht gezerrt. Die Leugnung des Völkermordes schadet dem Ansehen der Türkei.

Dabei sollte das kraftvolle Land inzwischen genug echtes Selbstbewusstsein besitzen, um ehrlich und selbstkritisch mit der problematischen Vergangenheit umzugehen. Nicht ein Eingeständnis der Schuld befleckt die Ehre eines Volkes, sondern die Schuld selbst. Wir Deutschen wissen das gut.