Meinung
Deutschstunde

Der Lackmustest der deutschen Sprache

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Schmachthagen

Niemand spricht und schreibt fehlerfrei,aber bestimmte Parameter sollte man niemals falsch machen. Ein Blick in die Liste der Irrtümer

Da mir beim Umzug des Abendblatts in den Großen Burstah vorerst der Kontakt zum Redaktionspostfach verloren gegangen ist, war ich gezwungen, für die „Deutschstunde“ ein eigenes Postfach einzurichten. Dessen eingängige Adresse (siehe unten) führte zu einer Flut von Mails. Es ist schön für einen Ruheständler, auf diese Weise noch mittendrin zu sein. Neben den Fragen nach Art einer Sprachberatung quer durch den Duden ging es in den Zuschriften während der vergangenen Tage vor allem um den Genitiv, weil ich vor einer Woche gemahnt hatte, der Opfer der schrecklichen Flugzeugkatastrophe aus Trauer und Anteilnahme im richtigen Deutsch zu gedenken.

Ich habe den Eindruck, dass ich eine Volksinitiative „Pro Genitiv“ gründen und sogar zu einer Demonstration auf dem Rathausmarkt aufrufen könnte, wobei mit einer Gegendemonstration für den Dativ nicht zu rechnen wäre. Man könnte allerdings auch zu dem Schluss kommen, dass es nun genug sein sollte mit dem ständigen Aufenthalt im 2. Fall. Bereits die erste Folge (von 136) meiner „Deutschstunde“ trug den ironischen Titel „Wir gedenken dem Genitiv“, und bekanntlich hat ein Kollege mit dem Warnruf, der Dativ sei dem Genitiv sein Tod, Auflagenrekorde erzielt. Doch während ich den Sprachalarm gerade eine Stufe zurückschalten wollte, hörte ich am Ostersonntag um 16 Uhr im Autoradio auf NDR I Welle Nord, wie der Nachrichtensprecher uns mitteilte, Papst Franziskus habe den Opfern von Krieg und Gewalt in aller Welt gedacht. In diesem Augenblick gedachte ich meiner Rundfunkgebühren, beschloss aufzugeben und ein weißes Fähnchen in den Rücken des Grammatik-Dudens zu stecken.

Die Sprache unterscheidet den Menschen von anderen Lebewesen. Niemand wird allerdings ganz ohne Fehler sprechen und schreiben, auch ich nicht. Aber es gibt gewisse Parameter, auf die man achten sollte und die den Unterschied zu Klein Erna signalisieren. Wie der Chemiker den Lackmustest als Säure-Base-Indikator benötigt, so gibt es im übertragenen Sinn auch einen Lackmustest der Sprache als Kanon bestimmter Ausdrücke, Regeln und Schreibweisen, die man nie falsch machen sollte. Das Gedenken im Genitiv gehört dazu.

Es heißt zum Beispiel im März dieses Jahres, obwohl sich „diesen Jahres“ wie eine Epidemie selbst unter Bambi-gekrönten Fernsehschaffenden ausgebreitet hat. Man sollte auch zwischen scheinbar und anscheinend unterscheiden können. Die Erde ist nur scheinbar eine Scheibe (es hat den Anschein, trifft aber nicht zu), wenn auch anscheinend (der Beobachtung nach) viele Leute daran glauben. Das Gleiche ist nicht dasselbe. Etwas flapsig ausgedrückt: Das Gleiche ist stets mehrfach vorhanden, dasselbe jedoch nur einmal. Wenn Hans und Fritz das gleiche Steak essen, dann haben sie vom Kellner jeder einen Teller mit je einem vergleichbaren Steak bekommen, wenn sie aber dasselbe Steak essen, dann streiten sie sich um ein und dasselbe Stück Fleisch auf einem einzigen Teller – jeder abwechselnd einen Happen. Die Vergleichspartikel wie und als dürfen nicht verwechselt werden, werden es aber häufig: größer als, so groß wie. Hans ist größer als Fritz, Fritz ist so groß wie Paul.

Die Verschmelzung von Präposition und Artikel steht ohne Apostroph: fürs Erste, fürs Kind (nicht: „für’s“), aufs Beste, ins Ungewisse. Es heißt jetzt aus aller Herren Länder (ohne -n), und das Entgelt hat zwar etwas mit dem Geld zu tun, kommt aber von entgelten und schreibt sich deshalb mit „t“. Wir stehen auf dem Dach (Dativ), aber sie steht auf blonde Männer (Akkusativ). Es heißt wegen Problemen (Dativ), aber wegen der Probleme (Genitiv). Die Präposition nahe fordert den Dativ: nahe dem Bahnhof. Im Norden sagt man zu Ostern, im Süden an Ostern, und in Hamburg wird der sechste Wochentag Sonnabend genannt – nur Quiddjes (nicht satisfaktionsfähige Zugereiste) verirren sich am „Samstag“.

Ich freue mich über jede Post und korrigiere darin nicht mit roter Tinte. Aber eine Frage habe ich doch: Warum stehen unter den meisten Briefen die „Grüsse“ mit „ss“? Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: Grüße wurden, werden und sollen auch weiterhin stets mit „ß“ geschrieben werden. Ganz bestimmt!

E-Mail: deutschstunde@t-online.de

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