Meinung
So gesehen

Die Johannes-Passion des ZDF

Mischke knöpft sich das ZDF vor: Kurz vor Ostern musste sich Johannes B. Kerner bei „Das große Schlüpfen“ durchschlagen. Nicht das Gelbe vom Ei.

Es ist Zeit für ein sehr, sehr ernstes Wort mit der ZDF-Programmdirektion. Wie groß muss die kreative Not sein, wie verkohlt die verbrannte Erde, die das Ende von „Wetten, dass ..?“ auf dem Lerchenberg hinterlassen hat? Mittwoch, 20.15 Uhr, „Das große Schlüpfen“. 90 – in Worten: neunzig - Minuten mit Johannes B. Kerner auf Eier starren, bis etwas dabei rauskommt oder auch nicht. So kurz vor Ostern eine recht pfiffige Idee, dachte man sich beim ZDF. Meistens kam nichts, nur kurz vorm „heute journal“ fast ein Straußenküken, aber Claus Kleber und die Weltlage gingen letztlich doch vor. Kein Spaß, kein Aprilscherz, trotz des Datums. Die vom ZDF haben diesen Irrsinn tatsächlich weggesendet, der so tat, als enthielte er Spuren von öffentlich-rechtlichem Bildungsauftrag. Und mittendrin: Johannes B. Kerner, die letzte, feucht gewordene Showmaster-Platzpatrone im Lauf des ZDF. Der arme Kerl wird von seinen herzlosen Chefs in jedes offene Messer gejagt. Direkt ins Begrüßungsklatschen brachte Kerner seine beste, bestimmt mühsam zurechtgefeilte Pointe: „Wir haben die Eier, diese Sendung zu machen.“ Noch lustiger wurde es nicht.

Die Vorstellung, ausgerechnet mit Kerner berufsbedingtes Mitleid zu haben, die ist schon speziell. Johannes Baptist, knackige 50, ist auch noch viel zu weit von seiner verdienten Selbstverrentung entfernt, um sich mit lässig umgeworfenem Kaschmirpulli zum Promi-Krabbenpulen nach Kampen zurückzuziehen. Oder er hat etwas ganz Übles beim ZDF unterschrieben und kommt nun nicht mehr raus aus dieser Sache.

Als Kerner auf Sri Lanka besichtigte, wie frisch geschlüpfte Meeresschildkröten ins Wasser robbten, säuselte im Hintergrund übelriechende Baumumarmer-Chormusik wie von der Esoterik-Resterampe. Armin Rohde wurde in die Alpen geschickt, um Bartgeier aus sehr weiter Ferne zu sichten. Sonja Zietlow bekam ein Chamäleonjunges auf den Finger und eine Vogelspinne flüchtete vor Magdalena Neuner in ihr Terrarium. Es war zum Schlupfliderbekommen. Zu schade, dass Katzenjunge nicht aus Eiern krabbeln, da wäre die Quote garantiert durch die Decke gegangen. Schlimmeres Sendezeitverbrennen war lange nicht bei den Mainzelmännchen zu durchleiden.

Lassen die Schinder vom Lerchenberg jetzt den armen Kerner in Ruhe sein Schmerzensgeld genießen? Hat dieser grundgute Mensch, der gerade erst mit Til Schweigers Tochter ins Scheinwerferlicht gehetzt wurde, nicht schon genug gelitten? Von wegen. Am 2. Mai schon muss er sich wieder von unsereins vermöbeln lassen, wegen irgendwas mit vielen Fragen, das „1000 – Wer ist die Nummer 1?“ genannt wurde. Und wenn auch daraus nichts geworden sein wird, muss Kerner zur Strafe wahrscheinlich einen Abend moderieren, bei dem vor laufenden Kameras Wandfarbe trocknet.