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Glosse

Jungs Zeitgeist: Mein Freund, der Baum

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Irene Jung
Irene Jung

Irene Jung

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Wenn trotz vieler Proteste alte Linden oder Kastanien gefällt werden, fühlen sich Bürger überall in Hamburg ausgebootet

Nur wenige städtische Maßnahmen bringen Bürger so schnell auf die Palme wie Baumfällungen. Auf privaten und öffentlichen Flächen in Hamburg werden jährlich weit mehr als 10.000 Bäume gefällt, hat der Naturschutzbund Nabu errechnet. Obwohl wir eine Baumschutzverordnung und ein Bundesnaturschutzgesetz haben. Trotzdem gehören Baumfällungen zu den Geburtskanälen der Politikverdrossenheit. Bürger in ganz unterschiedlichen Stadtteilen fühlen sich ausgebootet oder übergangen, wenn trotz ihrer Proteste die Motorsäge anrückt.

Nur ein paar Beispiele. Vor der Internationalen Gartenschau (igs) hatte die igs GmbH (eine 100-prozentige Tochter der Stadt) zur Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße die Rodung von 2235 Bäumen beantragt, 553 wurden zur Fällung freigegeben. Trotz eines Baustopps, den Bürger gegen das Planfeststellungsverfahren erwirkt hatten, begannen die Rodungen.

Auch ein Anwohnerprotest gegen das Fällen von 18 alten Linden am Reinbeker Weg in Bergedorf blieb erfolglos. Die Linden mussten weg, weil ein Investor acht Eigentumswohnungen bauen wollte. Am Paulinenplatz auf St. Pauli verschwanden Ende Januar mehr als zehn Robinien mit dem Argument, sie hätten „stark nachlassende Vitalität“ gezeigt. Anwohner waren überrascht, sie hatten nichts bemerkt. Immerhin sollen Zierkirschen als Ersatz gepflanzt werden.

Jüngster Höhepunkt ist die Fällung der drei alten Kastanien und der Abbruch des historischen Brauhauses am Eppendorfer Markt – nur zwei Tage nachdem das Bezirksamt Nord den Abriss genehmigt hatte. Die Bezirksversammlung hatte eine Baugenehmigung 2013 nur unter dem Vorbehalt befürwortet, dass die Bäume bleiben. Dennoch erhielt der Investor, Ex-Fußballspieler Roberto Sciorilli, einen positiven Bauvorbescheid und eine Fällgenehmigung. Weil ein tierökologisches Gutachten fehlte, sollte ein Gutachter im letzten Moment am Abrisstag mit dem Fernglas die Vogelpopulation in den Kastanien beurteilen, während die Baumaschinen schon deren Wurzeln beschädigten.

Ja, da soll man nicht ins Grübeln kommen?

Die Baumschutzverordnung gibt es in Hamburg seit 1948. Sie gilt für „alle Laub- und Nadelbäume, deren Stammumfang auf 1,30 Meter Höhe 79 Zentimeter oder mehr beträgt“, ausgenommen Obst- und Einzelbäume. Wenn man das Gesetz und die Ausnahmebestimmungen liest, merkt man, wie viel Auslegungsspielraum es lässt. Geschützt sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz auch Tiere, die in den Bäumen nisten oder ruhen – sofern jemand die Nist- und Ruheräume bekannt macht. Nur: Grundsätzlich hat das Recht zu bauen Vorrang gegenüber dem Baumschutzrecht. Und die Rechtsmittel gegen Fällungen sind begrenzt.

Warum identifizieren sich Stadtmenschen so mit ihren Bäumen? Erinnern wir uns an Stuttgart 21: Die Proteste begannen, als im Schlossgarten am Bahnhof 282 Bäume gefällt wurden, einige waren 200 Jahre alt. Zum einen gehört es heute zum Allgemeinwissen, dass Bäume die effektivsten Luftverbesserer sind. Ein alter Baum ist aber auch eins der letzten Symbole für Kontinuität, gerade in Quartieren, deren Bild sich rasant wandelt. Er ist der Rest von Natur, an dem man die Jahreszeiten erkennen kann, der Hitze, Stürme und Winter übersteht und dessen Leben häufig länger ist als unser eigenes. Ein Baum vor meinem Haus oder im Stadtteilpark ist gewachsenes Lebensgefühl.

Und hier beginnt die Sollbruchstelle zwischen Bürger und Behörde. „Die Leute haben ja keine Ahnung, man sieht einem Baum nicht an, ob er krank ist“, argumentieren die Fachämter und denken an die Schadenersatzkosten, wenn ein Ast auf ein Autodach fällt.

Für die Bürger wiederum sind Fällgenehmigungen oft nicht nachvollziehbar, sondern ein willkürlicher Eingriff in ihr vertrautes Umfeld; und häufig pure Machtausübung gegen ihre Proteste. „Baum“ ist zu einem Politikfeld geworden, in dem sich viel Wut und Enttäuschung anstaut. Da hilft kein Aussitzen mehr. Hat das eigentlich schon jemand gemerkt?

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