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Kommentar

Vielleicht hat Houellebecq doch recht

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Matthias Iken

Die Fiktion „Unterwerfung“ steht seit Wochen auf der Bestsellerliste. Deutsche Gerichte machen sie etwas wahrer

Das Buch „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq wird, das vorab, überschätzt. Es komponiert Altherrenerotik, Literaturwissenschaft und eine Negativutopie zu einem langatmigen Werk. Und doch beschleicht den politischen Beobachter, dass einiges an der Idee einer friedlichen muslimischen Machtübernahme nicht an den Haaren herbeigezogen ist. Die Lust der Europäer, sich dem Islam zu unterwerfen, ihre eigenen Werte zu relativieren und im Kampf gegen Islamismus auf Appeasement zu setzen, ist weit verbreitet.

Gleich zwei Urteile der vergangenen Woche machen stutzig: Das Bundesverfassungsgericht korrigiert sein Urteil aus dem Jahr 2003 und erlaubt Kopftücher an Schulen. Zugleich kippte Karlsruhe eine Vorschrift im Landesschulgesetz, nach der christliche Werte und Traditionen bevorzugt werden sollen. Da klatschen alle brav Beifall von der evangelischen Kirche über die unvermeidliche Antidiskriminierungsstelle, die seltsame AfD bis hin zu Muslimverbänden. Geradezu begeistert sind die Grünen, also die Partei, die auch aus der Frauenbewegung hervorging. Das Kopftuch, das in der Türkei im öffentlichen Dienst lange verboten war, finden an deutschen Schulen viele prima.

Widerspruch ist schwerer zu finden als ein Parkplatz in Eimsbüttel: Das evangelische Magazin „Chrismon“ wagt ihn: „Wenn die Klägerinnen, eine Lehrerin und eine Sozialarbeiterin einer Schule, behaupten, dass sich die Kopftuchpflicht aus dem Koran herleitet, dann sind bereits große Zweifel an ihrer theologischen Bildung angebracht – schlimmer noch: an ihrer Bereitschaft, historisch-kritisch zu arbeiten ... Die Richter machen es sich erstaunlich einfach, wenn sie von einem ,imperativen religiösen Bedeckungsverbot‘ sprechen.“ Bei allem Respekt vor dem Gericht – über das Kopftuch darf und muss diskutiert werden. Je näher man den sozialen Brennpunkten kommt, desto hörbarer wird die Kritik. Lehrer warnen, nach diesem Urteil werde der Druck auf muslimische Mädchen wachsen, selbst ein Kopftuch zu tragen. Frauenrechtlerinnen kritisieren das Stück Stoff, das eben mehr ist als ein Stück Stoff. „Inzwischen ist das Kopftuch ein politisches Symbol, das einer muslimischen Identität, die sich aus religiösen, traditionellen, patriarchalischen Motiven von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt“, sagt etwa die Muslima Necla Kelek.

Aber das ist der Mehrheitsgesellschaft mehrheitlich egal. Es ist längst Alltag, dass falsch verstandene Toleranz die Intoleranz befördert, ja, dass manchen Islamisten gar ein Rabatt auf Grundrechte gewährt wird.

Verwandte haben in Berlin einen 18-jährigen schwulen Muslim verschleppt – nur aufmerksamen Grenzbeamten in Rumänien und engagierten Sozialarbeitern ist zu verdanken, dass er nicht im Libanon zwangsverheiratet wurde. Das Gericht verurteilte die schrecklich nette Familie zu Geldstrafen von 1350 Euro. Einmal „Idiot“ im Straßenverkehr zu schimpfen, kostete hierzulande schon 1500 Euro. Ist wohl schlimmer. Dabei wurden 2013 allein in Berlin 460 Zwangsverheiratungen bekannt. Wer da noch von Einzelfällen spricht, muss an Dyskalkulie leiden.

Offenbar gilt, was Houellebecq in der stärksten Passage seines Buches schreibt: „Die von ihrem grundsätzlichen Antirassismus gelähmte Linke sei von Anfang an unfähig gewesen, den Islamismus zu bekämpfen, ja ihn überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.“

Die Öffentlichkeit ist gern bereit, die Leitplanken demokratischen Zusammenlebens im Sinne der Radikalen zu verschieben. Ein paar Abstriche bei der Gleichberechtigung, eine Prise Homophobie, ein bisschen Antisemitismus werden plötzlich als multikulturelles Hintergrundrauschen hingenommen. Das halten einige für aufgeklärt, ist aber das Gegenteil von Aufklärung. Bloß keinen Streit, bloß keine Debatte, Denkfaulheit verkleidet sich als Toleranz. Jedes Hakenkreuz empört die Gesellschaft und lässt uns zu Recht „Kein Fußbreit den Faschisten“ rufen; Islamisten hingegen bekommen viel Bewegungsfreiheit. Der Hassprediger Pierre Vogel etwa hat inzwischen fast 105.000 Anhänger auf Facebook gesammelt.

Die Menschen- und Grundrechte müssen gegen totalitäre Islamisten aber genauso offensiv und klar verteidigt werden wie gegen Rechtsextremisten. Das übrigens wäre auch ein Schritt zur Integration von Zuwanderern – ein Signal, dass wir die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland vor den Extremisten schützen.

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