Meinung
Leitartikel

Olympia-Rennen: Vorteil Hamburg

Oliver Schirg

Oliver Schirg

Foto: Bertold Fabricius / HA

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Nach diesem Umfrageergebnis kommt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eigentlich nicht mehr darum herum, sich für Hamburg als deutschen Bewerber für die Olympischen Sommerspiele 2024 zu entscheiden. Wer neun Prozentpunkte vorn liegt, egal ob in der Politik oder im sportlichen Wettstreit, gilt gemeinhin als der Sieger.

Die Zahlen sprechen also eine eindeutige Sprache: Hamburg hat in der Forsa-Umfrage über die Austragung Olympischer Sommerspiele die Nase vorn. 64 Prozent sprachen sich für Olympia aus, in Berlin waren es 55 Prozent. Ebenso deutlich ist die Entwicklung der Zustimmungswerte seit der Umfrage im vergangenen September: In Hamburg stieg dieser um elf Prozent, in Berlin um sieben.

Natürlich entscheidet nicht allein das Ergebnis dieser Umfrage darüber, wer für Deutschland ins Rennen um die Austragung Olympischer Sommerspiele geht. Aber wenn unmittelbar nach Veröffentlichung der Ergebnisse davon gesprochen wird, der Wettstreit zwischen beiden Städten sei weiter offen, dann drängt sich schon die Frage auf, warum so eine aufwendige Umfrage überhaupt durchgeführt wurde.

Befürworter von Berlin verweisen gern auf den größeren internationalen Bekanntheitsgrad der deutschen Hauptstadt und dass Berlin in der Vergangenheit wiederholt erfolgreich Austragungsort von Welt- und Europameisterschaften gewesen sei. Diese Argumente sind zweifellos richtig. Aber wiegen sie am Ende wirklich so schwer, dass Berlin im Sommer 2017, wenn das Internationale Olympische Komitee entscheidet, über Städte wie Rom, Paris oder Boston obsiegt?

Die USA haben es vorgemacht: Die Entscheidung ihres Nationalen Olympischen Komitees, nicht mit Washington, San Francisco oder dem zweimaligen Gastgeber Olympischer Sommerspiele, Los Angeles, ins Rennen zu gehen, sondern mit Boston, dem kleinsten US-amerikanischen Bewerber, lässt eine andere Sicht der Dinge zu. Eine Sicht, auf die IOC-Präsident Thomas Bach vertraut, der kostengünstige, nachhaltige und vor allem kompakte Olympische Spiele will.

Sowohl Hamburg als auch Berlin haben die Zeichen der Zeit erkannt: Ihre beiden Bewerbungskonzepte fußen auf der Idee der Nachhaltigkeit. Beide Metropolen werben mit der Absage an Gigantismus, der Menschen aus der Stadt vertreibt und die Natur zerstört. Aber in puncto Kompaktheit liegt Hamburg nun einmal vorn. Hier wird Überschaubarkeit zum Wettbewerbsvorteil. Olympische Spiele im Zentrum der Stadt, in der zu Fuß ein großer Teil der Wettkampfstätten erreicht werden kann, das wiegt 2017 womöglich schwerer als internationale Bekanntheit.

Das größte Risiko des DOSB offenbart aber die Forsa-Umfrage selbst. Das Institut fragte die Menschen auch danach, ob sie – unabhängig von ihrer eigenen Meinung – glaubten, dass die Mehrheit der Berliner oder Hamburger eher für oder gegen eine Bewerbung der Stadt sei. In Berlin erwarten nur 50 Prozent eine Mehrheit, in Hamburg sind es 77 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem Volksentscheid keine Mehrheit für eine Bewerbung zustande kommt, ist in Berlin also weitaus größer als in Hamburg. Es liegt in der Natur der Sache, dass – gerade wenn es eng ist – die Gegner Olympias stärker mobilisieren können.

Womit wir wieder am Anfang sind. Die Umfrage sollte auch dazu dienen, dass sich ein Desaster wie bei der Bewerbung von München und Garmisch für Olympische Winterspiele nicht wiederholt. Auch daran sollten die Entscheider des DOSB denken, wenn sie nächste Woche ihr Votum abgeben.