Meinung
Leitartikel

Winter-WM in Katar ist arabischer Irrsinn

Die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft nach Katar wird zum Dauerskandal

Fußball-Fans sollten sich schon einmal Wollsocken, Winterstiefel und Handschuhe zulegen – wer bei der übernächsten Fußball-Weltmeisterschaft rudelgucken möchte, muss ziemlich abgehärtet sein. Das Turnier soll anders als bisher nicht im Sommer, sondern im November und Dezember stattfinden. Großbildleinwände stehen dann nicht mehr in Strandbars, sondern auf Weihnachtsmärkten, das Pils zum Spiel wird durch den Glühwein ersetzt. Immerhin drohen 2022 keine Sonnenbrände mehr, höchstens Erfrierungen.

Natürlich sind Weltmeisterschaften, wie es das Wort schon sagt, Gipfeltreffen von Mannschaften aus aller Welt – da kann man nicht auf jede europäische Befindlichkeit Rücksicht nehmen. Wie man allerdings auf eine so seltsame Idee kommen kann, eine Fußball-WM in den Wüstensand von Katar zu setzen, bleibt wohl für immer das Geheimnis der Fifa.

Seit Langem sagt man Größen im Weltfußballverband kriminelle Verhaltensweisen nach. Im blitzsauberen Zürich, dem Fifa-Sitz, wuchert ein Geflecht von Korruption, Günstlingswirtschaft und Vertuschung. Immerhin: Wenn der Altherrenverband um den höchst umstrittenen Präsidenten Sepp Blatter seinen schlechten Ruf bestätigen wollte, ist es ihm mit der Entscheidung für Katar gelungen. Die Vergabe im Dezember 2010 an das Emirat – übrigens zeitgleich mit dem Zuschlag für 2018 an die lupenreine Demokratie Russland – war ein Skandal, ist ein Skandal und wird immer ein Skandal bleiben.

Schon die Wahl glich einer Farce: Zwei der 24 Stimmberechtigten hatten bereits im Vorfeld ihre Stimmen zum Kauf angeboten, insgesamt sollen Bestechungsgelder in Höhe von 3,7 Millionen Euro geflossen sein. Ein Ausschuss des Europarats hat erst kürzlich den Vergabeprozess an das Emirat als „zutiefst illegal“ bezeichnet. Für Sepp Blatter waren all diese Vorwürfe bislang kein Problem.

Auch die Tatsache, dass Fußball im Emirat Katar ungefähr dieselbe Tradition vorzuweisen hat wie Cricket in Deutschland oder Beachvolleyball in Grönland, spielte kein Rolle. Für Sepp Blatter ist der Traditionsbruch einfach ein neuer Weg. Die Menschenrechtslage interessierte die Fußballherren ohnehin noch nie. Im Emirat gilt die Scharia, Gleichberechtigung ist europäische Dekadenz, Homosexualität verboten, Ausländer werden oft wie Sklaven gehalten. Auf den Großbaustellen sterben die Gastarbeiter zu Dutzenden. Sepp Blatter hält sich für nicht verantwortlich.

Und nun zum Wetter: Im Sommer steigen die Temperaturen in Katar auf bis zu 50 Grad, die Luftfeuchtigkeit beträgt wegen des nahen Persischen Golfs oft 90 Prozent, Sandstürme runden das gastfreundliche Bild ab. Deshalb empfiehlt die Fifa nun – viereinhalb Jahre nach der Vergabe –, die WM doch im klimatisch gemäßigteren November abzuhalten. In einer Mitteilung des Weltverbandes hieß es, nach einem sechsmonatigen Diskussionsprozess sei dieser Termin der „brauchbarste“ gewesen. Zudem soll das Turnier gestrafft werden. Mit einer Weltmeisterschaft in der Adventszeit will der Verband retten, was nicht mehr zu retten ist – die Fußballgroteske in der Wüste.

Es zeigt die Selbstherrlichkeit der Fußballfunktionäre, die sich weder um den Sport noch um die Gesundheit der Spieler, noch um die Interessen der Fans scheren. Sämtliche nationale Ligen werden durcheinandergewirbelt, lang laufende Verträge über den Haufen geworfen, andere Sportarten wie etwa Wintersport an den Rand gedrängt. Entscheidend ist allein, dass das Geschäft der Fifa nicht behindert wird. Es verwundert, dass so viele internationale Firmen mitspielen.

Wie vieler Skandale bedarf es noch, um den Irrsinn zu erkennen? Wie lange will sich der Rest der Welt den Absolutismus der Fußballmonarchen in Zürich noch gefallen lassen? Was soll eigentlich noch passieren, bevor man Katar die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 entzieht?