Meinung
Deutschstunde

Jeder Kasus kämpft um sein eigenes Objekt

Doch nicht alles, was wie ein Objekt aussieht, ist auch ein Objekt. Es handelt sich häufig um ein Attribut. Das Gleiche ist nicht dasselbe

Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den Jahrzehnten meiner journalistischen Tätigkeit bereits für ein Gedenken im Genitiv eingesetzt habe, ich weiß nur, dass es nach entsprechenden Veröffentlichungen immer ein großes Leserecho gegeben hat. So auch vor einer Woche, als ich wieder einmal des Genitivobjekts gedenken musste. Einige Leser meinten, das Genitivobjekt sei keineswegs so selten wie der Wachtelkönig, vielmehr gäbe es diesen Satzteil so häufig wie Sand am Meer, etwa bei „das Haus meines Vaters“ oder „die Rede der Bundeskanzlerin“. Das ist falsch, diese Beispiele treffen daneben. Bei ihnen handelt es sich um kein Genitivobjekt, sondern um ein Genitivattribut. Bei einem Objekt haben wir es mit einem Satzglied zu tun, das von einem Verb als Ergänzung gefordert wird (wir kaufen den Wagen – Objekt im Akkusativ). Ein Attribut ist hingegen eine Beifügung, die ein Substantiv (bzw. Adjektiv oder Adverb) näher bestimmen und erklären soll (wir kaufen den Wagen meines Nachbarn – Attribut im Genitiv). In dem Satz „Ich empfange die Mail eines Lesers“ ist die Mail das Objekt, der Leser allerdings (was um Himmels willen keine Abwertung sein soll!) nur das Attribut.

Im Übrigen ist das mit dem Sand am Meer so eine Sache. Wer gerade die Fußball-Übertragungen eines Wochenendes hinter sich gebracht hat, zumal eines Wochenendes, an dem vor jedem Spiel des tödlich verunglückten Junior Malanda gedacht wurde, fragt sich, ob Fifa, DFB, ARD oder gar der Bezahlsender Sky den Genitiv abgeschafft hat. Natürlich kämpfen auch andere Kasus um ihre Objekte. „Er dankt dem Vater“ ist ein Dativobjekt, die Aussage „Er besteht auf seinem Recht“ (nicht: „sein“ Recht) ein Präpositionalobjekt, das hier unbedingt im Dativ stehen muss, und koste es einen Akkusativ. Apropos kosten: Dieses Verb fordert ein Akkusativobjekt: Es kostet ihn (nicht: „ihm“) das Leben.

Natürlich beschränken sich viele Zuschriften nicht auf den Genitiv, sondern räumen gleich weitere Fehler – nicht immer aus dem Abendblatt – ab, die seit Langem auf der Sprachseele gedrückt haben. Ein Beispiel für eine Fundstelle: Bei dem verheerenden Feuer auf der Fähre blieb das dritte Deck weitgehend unbeschadet. Hier traute sich die Verfasserin (es kann auch ein Verfasser gewesen sein) offenbar nicht, schlicht und einfach festzustellen, dass die anderen Decks beschädigt worden sind, das dritte Deck aber unbeschädigt blieb. Unbeschadet ist eine Präposition mit Genitiv im Sinne von „trotz“ oder „obwohl“ (unbeschadet des Feuers) bzw. „ohne Nachteil, im Einklang mit“ (unbeschadet seines Gewissens).

Und dann haben wir da noch das Wort scheinbar, das anscheinend immer häufiger falsch gebraucht wird. Scheinbar bedeutet, dass etwas nur dem Anschein nach so ist oder vorgetäuscht wird, das jedoch nicht der Wirklichkeit entspricht: Die Zeit stand scheinbar still. Sie ist scheinbar krank (sie macht blau). Mit anscheinend wird die Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass etwas so ist, wie es erscheint: Sie ist anscheinend krank (alles deutet darauf hin).

Da wir gerade dabei sind: Das Gleiche ist nicht dasselbe. Wenn sich Frau Puttfarken und Frau Schuster beim Kaffeeklatsch über dasselbe Stück Kuchen hermachen, dann streiten sie sich um ein und dasselbe Eierlikör-Törtchen. Wenn sie aber das gleiche Sahnestück essen, so hat sich jede von den beiden jeweils ein Mokka-Baiser auf den Teller gelegt. Dasselbe bedeutet, dass eine Identität einer Sache vorhanden ist, dass es den Gegenstand nur ein einziges Mal gibt wie das letzte Stück Eierlikör-Torte. Bei das gleiche haben wir es mit einer Identität der Gattung zu tun, was bedeutet, es gibt mehrere gleich geartete oder gleich aussehende Sachen wie eine ganze Platte voller Mokka-Baisers.

Einige weitere Antworten in Kurzform. Es heißt: Er hat gewinkt (nicht: „gewunken“); der Winter dieses Jahres (nicht: „diesen Jahres“); so groß wie, größer als, aber sowohl – als auch (empfohlen); dem Autor (nicht: dem „Autoren“); der Schreck fuhr ihm (plötzlich) in die Glieder, aber der Schrecken des Krieges lässt ihn (seit vielen Jahren) nicht los. Ansonsten schreibt man Gruß und Grüße nach wie vor mit „ß“. Ich staune, dass unter gut der Hälfte der Briefe „Grüsse“ steht.