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Darum ist Hennings Sex-Ratgeber so wertvoll

Sex ist was fürs ganze Leben - das weiß bloß kaum jemand. Warum der neue Fernseh-Ratgeber im Mitteldeutschen Rundfunk echte Wissenslücken füllt

Wenn der Mitteldeutsche Rundfunk eine Ratgebersendung für über 40-Jährige startet, rechnet man erst mal nicht mit einem Knaller, sondern mit gemütlichem Datschenkuscheln vor Fernseher und Bunzlauer Kaffeegeschirr. Überhaupt: Themen sind bisher doch eher „Sex über 60“ oder „Alterssexualität“. Wie es wirklich in den Schlafzimmern aussieht, bleibt meistens buchstäblich im Dunkeln.

Was die Sex-Beraterin Ann-Marlene Henning aber jetzt in „Make Love – Liebe machen kann man lernen“ immer sonntagabends mit mal älteren, mal jüngeren und mal sehr alten Menschen erörtert, ist überraschend und rückt manches Vorurteil gerade. Falsch ist zum Beispiel eine Lieblingsidee von 20-Jährigen: Die meisten glauben in ihrem Jugendwahn, ab 50 sei Schluss mit Sex. Man kann sich mit 20 ja auch schwer vorstellen, dass 50-Jährige noch tauchen lernen. In Wirklichkeit ist die Gruppe der 56- bis 65-Jährigen statistisch sogar sexuell aktiver als die der 18- bis 25-Jährigen. Selbst bei den über 80-Jährigen geben ein Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen in Umfragen an, dass sie noch regelmäßig Sex haben.

Wie oft, mit wem, in welchen Stellungen und ob es Spaß macht – darüber wird in „Make Love" ganz offen gesprochen. Und Gott sei Dank wird auch viel gelacht. Denn im Grunde ist es beim Sexlernen ähnlich wie beim Kochenlernen: Jemand gibt sich wahnsinnig viel Mühe mit Ente an Orangensoße, dabei zermatschen die Klöße, die Entenhaut bleibt gummiartig, das Essen erfordert eine gewisse Tapferkeit – aber am besten nimmt man’s mit Heiterkeit und Gelassenheit.

Verglichen mit „Make Love“ waren die ersten Aufklärungsfilme vor fast 50 Jahren trotz aller gezeigten Sexualorgane noch reichlich kopflastig. 1967 drehte Oswalt Kolle „Das Wunder der Liebe“ und wurde von allen Seiten angegriffen: Den 68ern war er zu sauber und pädagogisch, für die Kirchen war er ein „Ehezerstörer“. Dabei richtete sich „Das Wunder der Liebe“ hauptsächlich an die Generation der damals 20- bis 30-Jährigen, die – von der Kriegsgeneration weitgehend unaufgeklärt – beim Sex vielfach grauenhaft unbeholfen vor sich hin dilettierte. Kolle fragte völlig richtig: Wie sollten denn Heranwachsende beglückenden Sex erleben, „wenn sie ihre Erfahrungen nur mit Gleichaltrigen machen, die den Charme einer Mohrrübe haben?“ Er selbst habe das Glück gehabt, dass ihn die Mutter einer Freundin in die Liebe einführte, also eine erfahrene Frau, die ihm seine Ängste nahm und ihm zeigte, was schön und aufregend ist.

Heute nehmen viele Eltern an, ihre Kinder würden durch das Internet aufgeklärt, aber das halte ich für einen Irrtum. Wer die heimlich runtergeladenen Pornos für guten Sex hält, überwindet die Mohrrübenphase selten. Der schnelle, vorgespielte Porno-Hochleistungs-Rammelsex suggeriert ja auch Senioren ein völlig falsches Bild. Er spiegelt das Leistungsdenken der Arbeitswelt, und das hat beim Sex nichts zu suchen. Es muss ja nicht sein, dass sich 70-Jährige mit Herzrhythmusstörungen in der Missionarsstellung totreiten und am Ende entkräftet zur Seite sinken, als hätte man sie aus dem Sattel geschossen. Mit Bandscheibenschäden kann man schon im Alter von 35 rund 80 Prozent der Kamasutra-Stellungen in die Tonne treten. Und immer wieder werden Notärzte zu Senioren gerufen, die sich von Viagra zu völliger Erschöpfung verleiten lassen.

Mit solchen Vorstellungen macht „Make Love“ Schluss. Zum Glück wird Tacheles geredet: Dass 80 Prozent der Männer ab 40 Probleme mit dem „Nachladen“ haben, ist völlig normal. Ebenso, dass Frauen heute keine Angst mehr vor der Menopause haben müssen. Viele der Teilnehmer berichten, dass sie mit über 60 den Sex erst richtig entdeckt haben: Der Arbeitsdruck fehlt, der Kopf ist nicht mehr so voll, die Kinder sind aus dem Haus, man hat endlich mehr Zeit zum Genießen.

Beliebige Partnerwahl und Hunderte Stellungsempfehlungen im Internet sind noch keine Garantie für Erfüllung. Über Sex herrschen vielfach immer noch Vorstellungen wie über den Wilden Westen: im Galopp die Knarre raus. Da kann man dem MDR zu seinem unaufgeregten, gut gelaunten TV-Ratgeber nur gratulieren.

Irene Jung schreibt jeden Mittwoch über Aufregendes und Abgründiges im Alltag