Meinung
Gastbeitrag

16 Euro Kirchensteuer im Monat

So viel zahlt jedes evangelische Mitglied im Durchschnitt. Mancher stört sich am staatlichen Einzug. Warum eigentlich?

Die Kirchensteuer wird hinterfragt. Das ist gut so – und auch eine Chance, ihre Vorteile für die kirchliche Arbeit deutlich zu machen. Der Anlass ist eher klein: Das Erhebungsverfahren für die Kirchensteuern auf Zinserträge wird umgestellt. Mehr nicht. Keine neue (Kirchen-)Steuer, keine Steuererhöhung. Die meisten Menschen sind dank des Sparerfreibetrags gar nicht betroffen. Die Folgen dieser Umstellung sind allerdings fatal: deutlich mehr Kirchenaustritte. Das macht mich nachdenklich, denn es zeigt, wie zerbrechlich die Bindung an die Kirche geworden ist. Daran etwas zu ändern ist die eigentliche Herausforderung.

Im Durchschnitt zahlt jedes evangelische Kirchenmitglied im Monat rund 16 Euro Kirchensteuer, das entspricht einem Mittagessen im Restaurant oder zwei Kinokarten. Kinder oder Erwachsene ohne Einkommen zahlen gar keine Kirchensteuer, Gutverdiener schon mal 60 oder 80 Euro im Monat. Die Kirchensteuern, die so zusammenkommen, tragen dazu bei, dass die Stadt menschlicher und solidarischer wird. Und ich möchte allen, die diesen Beitrag leisten, herzlich danken!

Was geschieht mit dem Geld? In unseren 127 Kirchengemeinden in Hamburg wird das Evangelium verkündigt, aber nicht nur sonntags, sondern auch alltags gelebt – in Wort und Tat. So nehmen jährlich 5000 Jungen und Mädchen in dieser Stadt, ein Drittel des jeweiligen Altersjahrgangs, am Konfirmandenunterricht teil. Sie lernen eine Tradition kennen, die Nächstenliebe, Solidarität und Toleranz predigt und umsetzt. Pastoren und Mitarbeitende halten nicht nur Gottesdienste, sondern organisieren ein vielfältiges Gemeindeleben, führen Kitas, fahren mit Jugendlichen auf Freizeiten, veranstalten Seniorentreffs. Sie trösten Hinterbliebene und trauen Brautpaare, bieten Seelsorgegespräche für alle an, die zu ihnen kommen – nicht nur Mitglieder.

In den Gefängnissen und Krankenhäusern dieser Stadt kümmern sich täglich mehr als 30 Seelsorger um Menschen in Not. All das wird nicht staatlich finanziert, sondern fast ausschließlich von der Kirchensteuer. Ganz zu schweigen von der gewaltigen Herausforderung, 171 überwiegend denkmalgeschützte Kirchen und zahlreiche Gemeindehäuser baulich zu unterhalten. Orte, die den Glauben wach halten und Treffpunkte im Stadtteil sind. Durchschnittlich 16 Euro im Monat. Manchmal mehr, oft weniger. Ist das wirklich zu viel?

Mancher stört sich am staatlichen Einzug der Kirchensteuer. Warum eigentlich? Da immer noch knapp zwei Drittel der Menschen in unserem Land einer Kirche angehören, ist das Verfahren doch sinnvoll. Warum sollte die Kirche das Geld ihrer Mitglieder dazu verwenden, ihre eigene Finanzverwaltung aufzublähen, wenn doch das Finanzamt diese Dienstleistung gegen eine kleine Gebühr mit übernehmen kann?

In anderen Ländern ist das aus historischen Gründen anders, aber nicht unbedingt besser geregelt. In Italien muss jeder eine sogenannte Kultursteuer zahlen. Eine staatliche Steuer, durch die auch die Kirchen finanziert werden. Austritt unmöglich! Das führt zu einer sehr engen Verzahnung von Kirche und Staat. Erst recht will hierzulande keiner eine Staatskirche, wie es sie noch in Dänemark gibt.

In den USA und Südamerika mit ihren spendenfinanzierten Kirchen begeben sich Gemeinden in eine große Abhängigkeit von einzelnen Gönnern – und einzelne Pastoren und Gemeindeleiter werden zu Stars und verdienen sich eine goldene Nase. Wer die „Kapelle“ bezahlt, bestimmt die Musik. Das ist nicht mein Bild von Kirche. Die Kirchensteuer, wie wir sie hier in Deutschland haben, ist ein Mittelweg. Nicht spektakulär, oft kritisiert – aber verlässlich und bewährt. Sie wird durch Spenden ergänzt, das ist wichtig, doch sie ist nicht ohne Weiteres zu ersetzen.

Schon bald haben Sie übrigens Gelegenheit, sich umfassend über die Kirche zu informieren: bei der Nacht der Kirchen in Hamburg, dem größten ökumenischen Fest in Norddeutschland. Am 6. September – natürlich ohne Eintritt. Und wenn Fragen offen bleiben, lohnt sich das Gespräch mit Ihrem Pastor oder Ihrer Pastorin. Vielleicht steckt etwas anderes hinter dem Steuerthema: Distanz zur Kirche, ein verlorener Glaube. Lassen Sie uns im Gespräch bleiben. Über den Glauben – aber auch, wenn nötig, über die Kirchensteuer.

Propst Dr. Karl-Heinrich Melzer vertritt Bischöfin Kirsten Fehrs, die im Urlaub ist