Meinung
Gastbeitrag

Ex-Bildungs-Staatsrat: Welches Volk begehrt G9?

Früherer Bildungs-Staatsrat Reinhard Behrens plädiert für das Festhalten an G8 am Gymnasium und schlägt eigene G9-Züge an Stadtteilschulen vor

In der Kontroverse G8 kontra G9 hat sich die Meinungslage in unserer Stadt dramatisch verschoben nach der Expertenanhörung, zu der die Fraktionen der Bürgerschaft kürzlich eingeladen haben: Niemand (!) war für ein Zurück zu G9, nicht der Pädagogik-Professor mit einem eindeutigen Foliensatz für die Wissenschaft, nicht die Schülervertreterin mit ihrem imponierenden Vortrag als Vertreterin der angeblich Gestressten. Vorher hatten sich in gleichem Sinne Lehrer-, Schüler- Elternkammer geäußert, danach hat die Umfrage bei den Gremien der Gymnasien nach zwei Monaten Beratung eine überwältigende Mehrheit für G8 erbracht.

Daraus sind allgemein- und schulpolitische Lehren zu ziehen:

1. Nicht alles, was von medienkundigen Müttern aus dem Hamburger Westen kommt, hat schon eine breite Basis, und wenn dann eine Umfrage eine große Mehrheit für G9 ergibt, so kann das auch daran liegen, dass liberal Denkende oder Uninteressierte zustimmen, weil sie sich sagen: „… wenn das denn Leute wollen, na dann …“

2. Politik – das heißt für mich auch Parteien mit einer Gesamtverantwortung – sollte nicht zu eilig-beflissen auf solche Bewegungen eingehen. Ich empfinde Ablauf und Erfahrungen mit dem neuen Wahlrecht bei den letzten Bezirksversammlungswahlen als Beleg für frühes Einknicken vor einer meinungsstarken Initiative.

3. Schulpolitisch ist allerdings das Bewusstsein in der Stadt durch die Diskussion verbessert worden. Chancen und Anforderungen an unser in Deutschland einzigartiges, im Jahr 2007 bundesweit gelobtes Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Stadtteilschule (und damit die Chance auf ein Abitur nach acht oder neun Jahren) wurden neu formuliert; es durfte sogar wieder gesagt werden, dass das G8 eben nicht eine Schule für alle sein soll, die sich für das Abitur interessieren.

Klar wurde auch, dass das Denken der G9-Initiative (und mancher Lehrer), man könne Bildungspläne und Gebäude einfach für die Rückkehr zum guten alten Halbtagsgymnasium ohne Nachmittagsangebote nutzen, sozialpolitische Nostalgie ist. Und dass eine ruhige Entwicklung jeder Schule im Schulfrieden ein Wert ist. Und verstohlen (kein Thema?) wurde gefragt, welche Wirkung der in den letzten fünf Jahren ungeheuer gestiegene Zeitbedarf für Facebook und Twitter hat. Belegt ist, dass bei G8 etwas weniger Zeit für Jobs ist – schlimm?

Unstrittig ist aber der Entwicklungsbedarf der einzelnen Schule in beiden Säulen, den der Senator allerdings im Detail gern den ja selbstverantwortlichen Schulen überlassen darf, wenn es z. B. um die Organisation der Klassenarbeiten geht:

1. Ein Tabu-Thema ist in Hamburg, dass die Stadtteilschulen nicht immer in der Sekundarstufe I ein glaubhaftes, abiturorientiertes Angebot im Sinne von G9 machen, denn dazu würden auch äußere Differenzierung und abschlussorientierter Fachunterricht gehören. Die Schulen sind durch die eigene (Um-)Gründung und den schwer lösbaren Auftrag zur Inklusion hoch belastet. Warum können nicht Stadtteilschulen ab Klasse 7 gezielt einen G9-Zug einrichten – mit Durchlässigkeit in den Klassenstufen 8 bis 10?

2. Der Nachmittagsbetrieb macht für Gymnasial- und Stadtteilschüler die Teilnahme an außerschulischen, überregionalen sportlichen oder musikalischen Leistungsgruppen o. Ä. schwierig: Da diese aber in der Regel nach Altersgruppen organisiert sind, könnten hamburgweit zum Beispiel die 5. und 6. Klassen am Montag keine Pflichtkurse haben, am Dienstag wären die 7. und 8. Klassen verfügbar usw.

3. In acht Gymnasialjahren ist ein Auslandsjahr, das in G9-Zeiten während der oft (und mit Recht!) kritisierten Warteschleife, die die Klasse 11 war, stattfand, nicht mehr leicht zu realisieren. Bayern macht den Vorschlag, für diese Schüler nach Klasse 10 ein „Studienjahr“ anzubieten, in einer Klasse werden alle diese Schüler vor und nach ihrem Auslandsaufenthalt betreut, holen auch Defizite nach, arbeiten in Projekten und treten dann mit dem folgenden Jahrgang in die Studienstufe ein.

Es lebe der Schulfrieden!