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In Fußgängerzonen herrscht die Laufkundschaft

Sie sind das letzte Refugium der Laufkunden – ein Relikt unserer Kindheit. Heute kämpfen sie in einer Ketten-Reaktion ums Überleben

Totgesagte leben nicht immer länger, als man glaubt. Die gute alte Fußgängerzone zum Beispiel. Viele deutsche Städte sind zurzeit dabei, ihre Fußgängerzonen wieder abzuschaffen. Ladenbesitzer klagen, dass die Kunden wegbleiben, weil keiner mehr herumbummelt und vor den Schaufenstern stehen bleibt. Fußgänger hingegen beschweren sich, dass immer mehr Fachgeschäfte verschwinden, dass die Zonen veröden. Der NDR sprach schon vom „Niedergang der Fußgängerzone“.

Über die Gründe wird viel spekuliert. Sind nur Fußgängerzonen in Kleinstädten betroffen? Kaufen die Deutschen heute anders ein als früher? Sind sie inzwischen schon so überaltert, dass sie immer und überall mit dem Auto vorfahren müssen? Sind die Fußgänger schuld oder die Zonen?

Über solche komplizierten Fragen machte man sich vor 60 Jahren keine Gedanken, als 1953 die ersten Fußgängerzonen Deutschlands eröffnet wurden – in Kassel (Treppenstraße), Kiel (Holstenstraße) und Stuttgart (Schulstraße). Die Stadtkerne waren im Krieg durch Bomben zu 60 bis 80 Prozent zerstört worden. Man könnte sagen: Die ersten Fußgängerzonen waren ein Nachkriegsphänomen, weil man neue öffentliche Marktstraßen brauchte.

Die Fußgängerzonen der Sechziger – zum Beispiel 1966 die Schildergasse in Köln und 1968 die Spitalerstraße in Hamburg – entstanden dagegen bei dem Versuch, die autogerechte Stadt zu planen, in der langsamer Fuß- vom schnellen Autoverkehr getrennt wird. Für die Hausfrauengeneration meiner Mutter war die Spitalerstraße über Jahrzehnte die wichtigste Einkaufsmeile überhaupt. Und Einkaufen war damals anstrengend: beim Optiker Papas Brille richten lassen, Schuhe vom Besohlen abholen, zum Buchladen, zu Peek & Cloppenburg, womöglich noch zum Anwalt oder Arzt, dann in die Parfümerie. Bei Wolsdorff hatten sie Opas Lieblingszigarren, bei Brinkmann – einer Institution in der City bis zur Schließung 2002 – die neuen Mixer. Als Krönung gönnte man sich entweder Fisch bei Daniel Wischer oder eine verdiente Tasse Kaffee bei Tchibo.

Gibt es überhaupt eine deutsche Fußgängerzone ohne Tchibo? In den Siebzigern und Achtzigern eroberten die Bummel-Meilen auch die Kleinstädte. Diesmal als Gegenreaktion auf die Autoschwemme: Einkaufen sollte Genuss sein, ohne Abgase, ohne zugeparkte Gehwege. Deshalb „möblierten“ die Kommunen ihre Fußgängerzonen auch mit Bänken, Brunnen und Bäumchen – Deutschland hat’s gern gemütlich. 600 Fußgängerzonen gibt es heute bei uns, so viele wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Das Problem ist bloß: Nichts bleibt, wie es ist. Nicht mal Tchibo, heute ein Gemischtwarendepot, in dem es außer Kaffee auch Nachthemden, Reisen, Laptops, Gummitiere, Mobilfunkverträge und warme Socken gibt. Dinge also, die man auch woanders bekommt. Und genau das ist auch die Hauptkritik an vielen Fußgängerzonen: Die sind ja alle gleich mit immer denselben Klamotten-, Blumen-, Parfüm-, Bücher-, Drogerie-, Discounter- und Kaffeefilialen. Wenn eine gute Gewerbemischung ein paar Jahre geblüht hat, beginnt die Ketten-Reaktion: Die Gewerbemieten steigen, kleine Einzelhändler können nicht mithalten, viele Kunden bestellen sowieso im Internet – und drei Jahre später ist die Meile nur noch eine Resterampe mit Ein-Euro- und Mobilfunkläden. Gibt es leider auch in Hamburg.

Dass Kunden lieber mit dem Auto kämen, ist oft nur eine Händlerschutzbehauptung, wenn es mit dem Geschäft schon bergab geht. Nichts lässt sich schwieriger gestalten (und erhalten) als ein vielseitiger Branchenmix: der Schuster, der noch Ledertaschen repariert, die Blumenfrau, die mir meine Lieblingsrosen besorgt, neben dem Qualitätsweinhändler, der Buchhändlerin und dem gut sortierten Elektrofachgeschäft. Heute gelingt dies oft nur noch mit einem pfiffigen Quartiersmanagement, das mit Kinderfesten, Weinwochen und Weihnachtsmärkten für Belebung sorgt. Einkaufen ist eben mehr als „Shoppen“. Fußgängerzonen sind vielleicht die letzten Wirtschaftsräume, in denen wir Laufkunden noch das Angebot bestimmen. Eine nette Fußgängerzone gehört unter Artenschutz gestellt.

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