Meinung
Hamburger Kritiken

So funktioniert feministischer Neusprech

Wissenschaftler_innen auf Orwells Spuren – wie Berliner an einer neuen politisch korrekten Sprache arbeiten

Ich habe mich geirrt: Bis vor Kurzem dachte ich, Universitäten seien chronisch unterfinanziert und jede Forderung nach mehr Geld sei so berechtigt wie unterstützenswert. Nun hat das Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität in Berlin den Gegenbeweis erbracht. Was die Lehrende Lann Hornscheidt, die sich je nach Schreibweise Professorin, Profe_ssorin oder Professx nennt, dieser Tage über Interviews verbreitet, ist entweder grandiose Satire oder kompletter Irrsinn. Allein mit ihrer Antwort bei „Spiegel online“, „Ich möchte mich in der Anrede nicht als Frau oder Mann identifiziert finden“, hat sie sich für den Hohlspiegel qualifiziert – wie die ganze 54-Seiten-starke Broschüre zu „feministischem Sprachhandeln“. Man fragt sich, welche Drogen man nehmen muss, um so einen skurrilen Leitfaden zu erfinden. Und welche Probleme eigentlich ein Land haben muss, das vermeintliche Diskriminierungen in der Sprache zu einem solchen Problem aufbauscht.

Wir zitieren einmal diese Berliner Wissenschaftler, die Sätze von beeindruckender Schönheit und Klarheit geschaffen haben: „So ist es beispielsweise eine diskriminierende Norm, ..., dass ich als ableisierte, d. h. nicht beHinderte Dozen_tin, in einem Gespräch mit einer studentischen Arbeitsgruppe auf eine bestimmte Stud_entin hinweise und mich dabei nicht auf ihre inhaltlichen Beiträge beziehe, sondern auf ihr_e Kommunikationsform – beispielsweise Gebärdensprache – als sie charakterisierendes Kriterium, weil ich mich bislang noch nicht mit dieser Diskriminierungsform beschäftigt habe.“ Wenn Sie nun nicht alles verstehen, könnte das auch – pfui, pfui – daran liegen, dass Sie zumindest latent rassistisch, frauen- oder behindertenfeindlich sind. Der Unterstrich soll die unzumutbare Sichtweise demaskieren, es gäbe nur Männer und Frauen. Und das Binnenversal ein Stolperstein sei, schließlich ist Behinderung „kein pathologischer Zustand von Menschen, sondern ein gesellschaftlicher Prozess, in welchem Menschen an gesellschaftlicher Teilhabe beHindert werden“. Das Anprangern ist nur die halbe Miete – zugleich gibt der Leitfaden groteske Regeln für die schöne neue Sprechwelt. Schließlich sei die „anmaßende Idee, alle könnten einem und nur einem Geschlecht zugeteilt werden, an Irrsinn nicht zu überbieten“. Wie bitte? An Irrsinn nicht zu überbieten? Schön wär’s, wenn das der größte Irrsinn dieser Welt wäre. Aber von Zweifeln in ihrer Mission sind die Überzeugungstäterinnen unbeleckt. Laut beiliegender Argumentationshilfe wird der Einwand, ob das denn wissenschaftlich überhaupt alles bestätigt sei, hochwissenschaftlich und zweifelsfrei mit drei Worten belegt: „Ja, ist es.“

Gut, das überzeugt. Also rotten wir Diskriminierungen mit Stumpf und Stiel aus. Beginnen wir beim unscheinbaren, aber bitterbösen Wörtchen „man“ – geht gar nicht, denn es „re_produziert immer wieder Vorstellungen von weißen ableisierten Männern als prototypisch für das Allgemeinmenschliche“. Und dann dieses Macho-„Er“ - das Wort gehört ausgemerzt: Die „Frauisierung“ der Sprache empfiehlt, es durch ein a zu ersetzen. Heraus kommen Wendungen wie „Unsa Lautsprecha, unsa Türöffna, unsa Mitarbeita“. Durchgeknallta geht’s kaum. Einen anderen Ausweg aus der diskriminierenden Sprache soll das x weisen: Studenten werden zu Studierx, das dazugehörige Fragepronomen heißt wex? Oder Frau greift auf den Unterstrich zurück, den es in drei hübschen Formen gibt – dynamisch (Stu_dentin), als Wortstamm (Stud_entin) oder statisch (Student_ in). Es finden sich noch mehr bizarre Ideen, schließlich wäre sonst der „Referent_innenRat“ der Humboldt- Uni noch enttäuscht gewesen, der den Leitfaden finanziell unterstützt hat.

Wie lange darf man ein Mädchen noch Mandy, eine Stadt Mannheim, eine Frucht Mango nennen? Wann heißt „Gender Mainstreaming“ endlich „Genda“? Man/frau/mensch könnte noch mehr dieser grotesken Beispiele bringen und sich politisch unkorrekt auf die Schenkel klopfen. Aber wirklich lustig ist es nicht.

Der Irrsinn hat längst den Marsch durch die Institutionen angetreten. Nicht nur die Humboldt-Universität hat sich zu einer „geschlechtergerechten“ Sprache verpflichtet, auch der Bund hat längst eine sprachliche Handreichung seiner Antidiskriminierungsstelle aufgelegt, der Senat plant Ähnliches. George Orwell erfand in seinem Roman 1984 „Neusprech“, eine vom Regime künstlich veränderte Sprache, um „Gedankenverbrechen“ von vornherein zu verhindern. Es ist bittere Ironie, dass ausgerechnet Kämpfer gegen Rassismus und Diskriminierung nun Orwell verwirklichen helfen.