Meinung
Frankenfelds Welt

Was der Todesritt auf der Krim uns lehrt

Vor 160 Jahren standen sich der Westen und Russland auf der Halbinsel am Schwarzen Meer gegenüber. Dies darf sich nicht wiederholen

In kalten Schneewintern sieht man oft Menschen mit einer Mütze herumlaufen, die nur noch die Augen freilässt. Der international gebräuchliche Name für diese Sturmhauben lautet Balaclava. Der Name stammt von einem Ort, der heute ein Stadtteil von Sewastopol auf der nun russisch besetzten Krim ist. Im Krimkrieg von 1853–1856 wurden britische Soldaten zum ersten Mal mit dieser Mütze ausgerüstet, um sie gegen die beißende Kälte zu schützen.

Doch die Balaclava ist nicht der einzige Grund, warum es lohnt, sich an diesen Konflikt zu erinnern. Der Krimkrieg war ein Teil des „Great Games“, jenes großen machtpolitischen „Spiels“, das die überlegene Supermacht der damaligen Zeit, das britische Empire, gegen das russische Zarenreich spielte. Parallelen zu heute sind also unübersehbar. Der zunehmende Machtverfall des Osmanischen Reiches verleitete damals sowohl Briten wie auch Russen zu dem Versuch, dies auszunutzen.

Zar Nikolaus I. strebte gar die Aufteilung des Osmanischen Reiches an, vor allem, um einen Zugang zum Mittelmeer zu erhalten – Briten und Franzosen wollten dies verhindern.

Konkreter Anlass des Waffengangs war ein Streit um die Hoheit über die Grabeskirche in Jerusalem zwischen Orthodoxen und Katholiken. Der französische Kaiser Napoleon III. wollte die Position der Katholiken stärken. Woraufhin der Zar über seinen – mit Absicht äußerst undiplomatisch auftretenden – Gesandten Fürst Menschikow die alleinige Hoheit über die heiligen Stätten forderte. Als der türkische Sultan ablehnte, besetzte Russland die osmanischen Donaufürstentümer Moldau und Walachei – praktisch das heutige Rumänien. Nach gescheiterten Verhandlungen erklärte das Osmanische Reich im Oktober 1853 Russland den Krieg; Großbritannien und Frankreich folgten im März 1854. Das Königreich Sardinien stieß 1855 hinzu; ferner band Österreich, ohne direkt einzugreifen, mit einem Truppenaufmarsch russische Kräfte. Die Kampfhandlungen nahmen ein eurasisches Ausmaß an, konzentrierten sich ab 1854 aber auf die Krim, wo Briten und Franzosen die russische Festung Sewastopol belagerten. Nach knapp einem Jahr fiel Sewastopol, zu einem Trümmerfeld zusammengeschossen. Russlands ehrgeizige Ambitionen waren mit dieser demütigenden Niederlage hinfällig; es war zudem in Europa politisch isoliert.

Der Krimkrieg gilt als der erste moderne Stellungskrieg der Geschichte, bei dem auch zum ersten Mal Eisenbahntransporte taktisch eingesetzt wurden; und als der erste mit aktueller Kriegsberichterstattung per Telegrafie. Hier setzten sich auch die gerade erfundenen praktischen Zigaretten durch. Der Krimkrieg ist zudem die Geburtsstunde des modernen Lazarettwesens. Unsterblich wurde die Figur der Krankenschwester Florence Nightingale, der „Lady mit der Lampe“, die wie ein barmherziger Engel in der Hölle des Lazaretts von Scutari in Istanbul erschien, wo kaum versorgte Verwundete des Krimkrieges in dreckigen, rattenverseuchten Räumen auf der Erde lagen und sich zu Tode schrien. Florence Nightingale, eine der großen Frauengestalten der Geschichte, kümmerte sich nicht nur um die Elenden von Scutari, sondern entwickelte ein ganzes Versorgungssystem inklusive der Ausbildung von Fachkräften. Sie bekam massive Unterstützung in England aufgrund der erschütternden Artikel der Kriegsberichterstatter. Der Krimkrieg beendete auch die Tradition, dass sich reiche Adelige Kommandeursposten einfach kaufen konnten. Für die damals riesige Summe von 40.000 Pfund hatte sich Lord Cardigan das Kommando über die Leichte Brigade gekauft. Aufgrund miserabler Aufklärung und unklarer Befehle ließ Cardigan 673 Mann seiner Brigade am 25. Oktober 1854 eine vor Kanonen strotzende russische Stellung angreifen. 200 Mann kamen durch, wurden aber von russischer Kavallerie sofort zurückgeschlagen.

Dieser desaströse Todesritt, die legendäre „Attacke der Leichten Brigade“, von der der anwesende französische General Pierre Bosquet sagte, „das ist großartig, aber kein Krieg, sondern Idiotie“, wurde in Gedichten und Filmen heldisch verklärt. Wie in anderen Kriegen auch zahlten auf der Krim die einfachen Soldaten die Zeche für Machtgier und Inkompetenz ihrer politischen und militärischen Führung.