Meinung
Hamburger Kritiken

Warum 2014 kompliziert werden könnte

Die Busse werden nicht schneller, die Elbe wird nicht tiefer und auf einen HSV-Titel warten wir weiter vergeblich

2013 ist eine Menge verloren gegangen: etliche Kubikmeter weißer Dünensand vor Sylt beispielsweise oder der politische Wirtschaftsliberalismus im Reichstag, dem Senat die Volksabstimmung über den Rückkauf der Netze und dem monströsen Plattenbau auf dem Kiez die Statik. Der singende und schwingende Tarzan ist auch weg. 2013 ist aber auch eine Menge hinzugekommen: ein Kopfballtor durch den Torhüter des FC. St. Pauli oder eine historische Klatsche für den HSV, ein neuer Kommissar für den Hamburg-„Tatort“, ein neuer Besitzer für etliche Hamburger Medien. Und Hamburg hat mit Aydan Özoguz eine Staatssekretärin mehr.

Jahresrückblicke sind eine so unterhaltsame wie subjektive Sache: Es passiert in 365 Tagen mehr als in eine RTL-Show passt, und zwölf Monate lassen sich auch schlecht in eine Nachrichtenzeile pressen. Will man den Senat ärgern, fragt man ihn, wie viele Kreisel noch gebaut und wie viele Millionen noch verbuddelt werden müssen, bevor die Politik den Glauben an die Busbeschleunigung verliert. Möchte man dem Senat schmeicheln, lobt man ihn dafür, dass die Elbphilharmonie weitergebaut wird. Nach derzeitigem Stand kommt das Konzerthaus nur sieben Jahre später als geplant und wird etwas teurer, um rund 712 Millionen Euro. Aber immerhin hat man erstmals das Gefühl, dass die Zahlen dieses Mal stimmen. Während es auf der Kehrwiederspitze aufwärtsgeht, geht es im Hafen gegenüber seitwärts oder gar abwärts.

Die Stimmungslage in Hamburgs Traditionsbranche kann man dem Börsen- und Wirtschaftsteil entnehmen. Die Reeder etwa gehen ins sechste Krisenjahr mit Preiskrieg und Überkapazitäten, ohne dass sich die Branche bereinigt. Offenbar verlieren volkswirtschaftliche Gesetze auf den Meeren ihre Gültigkeit. Glücklich, wer keine Hafenaktie hat: Während der DAX von Rekord zu Rekord eilt, dümpeln die Logistikgesellschaften vor sich hin. Und die Prognosen eines ewigen Wachstums hat der Wirtschaftssenator kürzlich kassiert. Das liegt vor allem an der Weltwirtschaft, aber auch am Management in Hamburg – und dem Bundesverwaltungsgericht: Dort hat man nach intensivem Abwägen entschieden, schon vom 15. Juli 2014 an die Klagen der Umweltverbände BUND und Nabu zu verhandeln. Wo Elbe als Präfix auftaucht, ist es schnell vorbei mit fix.

Die Internationale Gartenschau in Wilhelmsburg schlug alle Prognosen – und ins Kontor. Von den erwarteten 2,5 Millionen Besuchern kamen nicht einmal die Hälfte, das Minus wuchs auf 37 Millionen Euro. Einfacher hatte es die IBA; die musste keine Planzahlen vorab publizieren und freute sich nachher über 420.000 Besucher. Wilhelmsburg hat ohnehin Grund zur Freude – der lange vernachlässigte Stadtteil bekommt einen spektakulären neuen Park, neue Bewohner, eine Zukunft.

Im Sport ist alles wie immer. Die Handelskammer will mal wieder oder immer noch Olympische Spiele nach Hamburg holen. Spiele an der Elbe – klingt toll, klappt nach vorsichtigen Schätzungen vielleicht 2052. Also ungefähr zeitgleich mit dem nächsten Titel des HSV. Der jagt, alle Jahre wieder, seinem Saisonziel hinterher. Der FC St. Pauli steht immerhin weit oben, aber einen Aufstieg fürchten viele Fans fast so sehr wie ein Bierverbot. In der Kultur ist natürlich nichts beim Alten, sondern alles ganz neu und total gesellschaftskritisch. Das Thalia Theater macht mit den Flüchtlingen eine Elektro-Pop-Performance in der St. Pauli Kirche, ein Hamburger Künstlerpaar hat Flüchtlinge unter Pappkartons gesetzt und nannte das „Underdog Separationsskulptur“, eine Performance, die auch Kampnagel gleich ins Haus holte. Es gibt ein Lied Hamburger Bands „Here to stay“, ein paar weitere Combos nahmen Unterstützerballaden auf und die üblichen Verdächtigten adressierten eine Solidaritätsadresse „Wir alle sind Lampedusa“. Mit dabei sind wie immer alle die, die für den Erhalt der Esso-Häuser, das Gängeviertel und gegen alles Böse in der Welt sind. Das ist aller Ehren wert. Manchmal fragt man sich nur: Wie überraschend ist eigentlich politisch korrekte Kultur?

Das wären doch mal schöne Vorsätze für 2014: Der Bürgermeister überrascht seine Stadt mit einer Vision, die HSH Nordbank mal mit zwölf Monaten ohne Skandal, der HSV mit einem Titel, statt van der Vaarts suchen die Reedereien einen neuen Partner, das Verwaltungsgericht überrascht mit dem Ja zur Elbvertiefung. Ich fürchte aber, das Jahr wird etwas komplizierter.

Matthias Iken beleuchtet in der Kolumne „Hamburger KRITiken“ jeden Montag Hamburg und die Welt