Meinung
Leitartikel

Energiewende: Der Norden im Vorteil

Der Erfolg der Energiewende steht und fällt mit der Windkraft an der Deutschen Bucht

Auf den ersten Blick scheint die Energiewende in Deutschland abgebremst zu werden. Der zweite Blick zeigt aber: Sie wird professioneller vorangetrieben und schneller unabhängig von Subventionen sein als bislang geplant. Diesen Eindruck jedenfalls erwecken die Beschlüsse der Arbeitsgruppe Energie bei den Koalitionsverhandlungen für die künftige Bundesregierung in Berlin.

Die Unterhändler von Union und SPD, angeführt von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), wollen eine Fokussierung der Förderung auf die „guten“ Windkraft-Standorte in Deutschland und geringere Ausbauziele für die Offshore-Windkraft bis 2020 und 2030. Was das im Detail bedeutet, wird letztlich erst nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) feststehen. Die künftigen Regierungspartner rechnen damit, dass dieses erste Gesetzesvorhaben der Großen Koalition um Ostern herum abgeschlossen werden kann.

Grundlegend wird mit den Aussagen vom Wochenende aber eines klar: Die Deutsche Bucht und ihre Küsten werden für das Gelingen beim Umbau der deutschen Energieversorgung die Schlüsselrolle spielen. Von hier weht, meist aus Nordwest, der Großteil jener Energie, die Deutschland zum Umstieg braucht – an den Küsten Niedersachsens und Schleswig-Holsteins und auf der Nordsee in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), dem Standort der Offshore-Parks. Die „guten Standorte“ für die Windkraft in Deutschland – vor allem dort sind sie, vor und hinter dem Deich. Jene Windparks werden, in Kombination von Land- und Seestandorten mit künftigen Energiespeichern, als Erste einen stetigen Stromfluss liefern, der auch ohne Subventionen in nicht ferner Zukunft im Wettbewerb mit Kohle und Erdgas bestehen kann. Die geringeren Ausbauziele für Offshore-Windparks, die nun formuliert wurden, schreiben dabei nur das fest, was die Branche ohnehin längst erwartet hatte. Entscheidend ist für diese noch junge Industrie auch nicht, ob innerhalb eines bestimmten Zeitraums das eine oder andere Tausend Megawatt mehr oder weniger auf See installiert wird. Entscheidend für den weiteren Ausbau ist, dass die Unternehmen ihre Fabriken, Belegschaften, Logistikketten kontinuierlich auslasten, dass sie mit gewisser Sicherheit planen, wachsen, investieren können.

Der Süden Deutschlands, der mehr Industrie beherbergt als der Norden, mag nicht hinnehmen, dass ein großer Teil seines Stroms künftig von der Küste kommt. In der Tat ist längst nicht geklärt, wie und zu welchen Kosten die großen Nord-Süd-Trassen für Strom aus norddeutschen Windparks nach Bayern und Baden-Württemberg gebaut werden. Offenkundig ist aber, dass die stolzen Südländer beim Strom künftig keineswegs zu den Nehmerländern zählen wollen.

Wenn man, um Energie zu ernten, aber dahin geht, wo die Energie ist, führt um die Küste kein Weg herum – so, wie bislang die Kohlereviere des Ruhrgebiets und der Lausitz das Herz der deutschen Energieversorgung waren. Die Atomkraft stellte insofern einen Sonderweg dar: Mit ihr konnte man viel Energie dorthin bringen, wo bereits Abnehmer für den Strom saßen, zum Beispiel nach Süddeutschland. Das unselige Ringen um diese Technologie ist hinlänglich bekannt.

Für Hamburg bietet die windgetriebene Energiewende glänzende Perspektiven. In der Stadt wird zwar, mangels Flächen, kaum selbst Windstrom erzeugt. Aber praktisch alle wichtigen Entscheider und Planer aus der Windkraftbranche haben sich hier inzwischen angesiedelt.

Der Autor ist Redakteur im Wirtschaftsressort des Abendblatts